Randbemerkungen
Albtraum Traumfigur
Jetzt geht er wieder los, der Sommer-Terror. Mit jedem Grad, den es wärmer wird, mit jedem Kleidungsstück, das abgelegt werden kann, kann man immer weniger behaupten, nur dick angezogen zu sein. Die Sonne bringt es buchstäblich an den Tag.
Und schon titeln die Fitness-, Männer- und Frauenmagazine: „Nehmt ab! Reduziert das Gewicht und den Umfang eurer Bäuche! Denn nur schlank ist der Mensch ein Mensch und hat Erfolg im Beruf wie in der Liebe.“
Auweia, will ich schon sagen, was für ein Blödsinn, ertappe mich aber selbst dabei, die Körperfülle im Spiegel zu kontrollieren. Leicht entzieht man sich solchem Schönheitswahn nicht.
Aber muss man dem Gewicht wirklich so viel Gewicht beimessen? Als ob Schönheit eine objektiv messbare Größe wäre, eine DIN-Norm in Kilogramm sozusagen.
Vor zwei-, dreitausend Jahren hat man es besser gewusst. „Schön bist du, meine Freundin, ja, du bist schön“, besingt ein junger Mann im Hohen Lied die Geliebte. Für ihn wäre es undenkbar, in 90-60-90-Idealmaß-Kategorien zu denken; auch der Body Mass Index interessiert wenig.
Nein, der Verliebte preist dichterisch, wie die Freundin auf ihn wirkt, nicht wie viel oder wenig sie wiegt: „Verzaubert hast du mich, ja verzaubert mit einem Blick deiner Augen." Und nicht nur mit den Augen! Bei diesem Zauber wirkt mehr als das Aussehen und die Proportionen. Die ganze Persönlichkeit mit Leib, Seele und Geist entfaltet ihre schöne, ja dynamische Wirkung.
„Aber dann kann ja jeder schön sein“, protestieren die Diät-Profeten. Was soll man sagen? Es stimmt! Man lese nur das Hohe Lied: Die Bibel, 1. Teil: Altes Testament.