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Randbemerkungen

Datum:
Veröffentlicht: 14.1.13
Von:
Peter Weidemann, Pfarrbriefservice.de

Stürmisch

Einmal schickte meine Großmutter im Winter unseren Opa zum Einkaufen. Ein Schneestrum drohte, und im Radio hatte man geraten, Vorräte anzulegen, weil der Sturm heftig und die Verhältnisse danach so widrig sein sollten, dass es unmöglich wäre, zum Einkaufen zu gehen – jedenfalls dort, wo man abseitig der Lebensmittelgeschäfte lebte.

Opa marschierte los. Der Weg zu Karls, wie der kleine Laden im Dorf hieß, war weit. Einige Kilometer bis zum Dorfrand und dann noch etliche Schritte bis zur Mitte, wo das Geschäft lag. Sein bedächtiges Gehen ließ Opas Rückkehr nicht vor zwei Uhr erwarten, schon gar nicht angesichts der zugefrorenen und verschneiten Wege.

Und tatsächlich tauchte der Mann erst nach über vier Stunden wieder auf, mit einem verdächtig schlaffen Einkaufsbeutel. Aus dem zog er einige Kerzen, Streichhölzer und zehn Zigarren. Alle staunten, nur Oma seufzte leise. „Drei Zigarren am Tag macht neun und eine als Reserve, falls der Sturm länger dauern sollte“, rechnete Opa über seinem Notpaket vor.

Oma seufzte noch einmal. „Und das soll reichen für den Sturm“, fragte sie. Schon manches Mal hatte sie über den Realitätssinn ihres Gatten den Kopf geschüttelt. Jetzt wieder. „Euer Großvater hört für keine zwei Pfennig richtig zu“, schimpfte sie, zog den Mantel an und schützte den Kopf mit Tuch und Schal vor der beißenden Kälte.

Sie brauchte weniger als vier Stunden. Bei ihrer Rückkehr zog sie zwei große Säcke auf einem Schlitten hinter sich her, prall gefüllt mit Nudeln, Mehl, Konserven und was man sonst noch braucht zum Überleben. Zuletzt holte sie zu unser aller Verblüffung zehn weitere Zigarren aus dem Sack. Opas Gesicht war ein einziges Fragezeichen.

„Hab ich nicht gesagt, du musst besser zuhören?“, tadelte Oma den Verdutzten. „Im Radio haben sie von sechs Tagen Unwetter gesprochen, nicht von dreien.“