Randbemerkungen
Die Delle
Es war im Jahr einer Fußballweltmeisterschaft, 1974, auf einer Akademietagung in Köln zum Thema: Das Menschenbild des Zweiten Vatikanischen Konzils. Den einleitenden Vortrag hielt der bekannte Jesuitenpater und Theologieprofessor Karl Rahner. - Da stellte ein Teilnehmer die Frage: „Pater Rahner, was ist für Sie - der Mensch?“ - Stille. - Rahner stand und schaute vor sich hin. Eine ganze Weile. Dann hob er den Kopf, drehte sich zur Seite und hielt die Hände hinter seinen Rücken. - Mit Blick geradeaus ging er langsam - sinnend und suchend hin und her. Das kannte ich. Denn besonders schwierige Fragen wie diese pflegte er ambulant - also aus der Bewegung heraus Schritt für Schritt anzugehen und zu lösen. So wie es die weisen Griechen taten zu Sokrates´ Zeiten. - Dann blieb er stehen. Schaute ins Publikum und machte mit der linken Hand eine Kreisbewegung. - Wie fragend hob er die Achseln. „Sie sehen“, sagte er, „ … eine runde Sache“. Alle lachten. „Wie Sie wissen, haben wir ja zurzeit die Fußballweltmeisterschaft …“ - Alle nickten. Rahner schmunzelte: „Ja, der Mensch ist wie ein Ball ... aber“, dabei stieß er mit der Faust seiner rechten Hand in die Bewegung der linken, „… mit einer Delle“. Gespannte Stille. - „Und die fülle ich aus, sagt Gott, mit mir. Ich will dir deine Arrondierung sein, das, was dir fehlt - die Fülle deiner Delle - übernehme ich, so bin ich bei dir …“ Erstauntes Aufhorchen. Pause. - Dann anhaltender Beifall. - Da schlug Rahner noch einmal zu, fester: „ … und je tiefer die Delle - desto inniger und mehr …“ - Schweigen. Tiefes. Das nicht enden wollte.