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Randbemerkungen

Datum:
Veröffentlicht: 28.6.21
Von:
Klaus Jäkel; In: Pfarrbriefservice.de

Die Delle

Es war im Jahr einer Fußballweltmeisterschaft, 1974,  auf einer Akademietagung in Köln zum Thema: Das Menschenbild des Zweiten Vatikanischen Konzils. Den einleitenden Vortrag hielt der bekannte  Jesuitenpater und Theologieprofessor Karl Rahner.  -  Da stellte ein Teilnehmer die Frage: „Pater Rahner, was ist für Sie  -  der Mensch?“ -  Stille.  - Rahner stand und schaute vor sich hin. Eine ganze Weile. Dann hob er den Kopf, drehte sich zur Seite und hielt die Hände hinter seinen Rücken.  -  Mit Blick geradeaus ging er langsam  -  sinnend und suchend  hin und her.  Das kannte ich.  Denn besonders schwierige Fragen wie diese pflegte er ambulant  -  also aus der Bewegung heraus Schritt für Schritt anzugehen und zu lösen. So wie es die weisen Griechen taten zu Sokrates´ Zeiten. -  Dann blieb er stehen. Schaute ins Publikum und machte mit der linken Hand eine Kreisbewegung. -  Wie fragend hob er die Achseln. „Sie sehen“, sagte er, „ … eine runde Sache“. Alle lachten. „Wie Sie wissen, haben wir ja zurzeit die Fußballweltmeisterschaft …“ -  Alle nickten. Rahner schmunzelte: „Ja, der Mensch ist wie ein Ball ... aber“,  dabei  stieß er mit der Faust seiner rechten Hand in die Bewegung der linken, „… mit einer Delle“. Gespannte Stille. - „Und die fülle ich aus, sagt Gott, mit mir. Ich will dir deine Arrondierung sein, das, was dir fehlt -  die Fülle deiner Delle  -  übernehme ich, so bin ich bei dir …“  Erstauntes Aufhorchen. Pause.  -  Dann anhaltender Beifall.  -  Da schlug  Rahner noch einmal zu, fester: „ … und je tiefer die Delle  -  desto inniger und mehr …“  -  Schweigen. Tiefes. Das nicht enden wollte.