Randbemerkungen
„… gib ihm noch ein Jahr!“
Alles in unserem Leben
hat seine eigene Zeit,
eine Zeit zum Reifen,
eine Zeit zum Ernten.
Gedanken zum Buß- und Bettag
Alles in unserem Leben hat seine eigene Zeit, eine Zeit zum Reifen, eine Zeit zum Ernten. Manches erfordert von uns die Bereitschaft, gewähren zu lassen, manches verlangt beherztes Zupacken.
Das Gleichnis vom unfruchtbaren Feigenbaum
Nach einer biblischen Erzählung gab es einmal einen Gutsbesitzer, der sich mitten im Weinberg einen Feigenbaum pflanzen ließ. Gelegentlich kam er vorbei, um nachzuschauen, ob sein Bäumchen bereits in Frucht stehe, aber der Baum trug keine einzige Feige, obschon es für ihn an der Zeit war. Nach weiteren drei Jahren verlor der Besitzer die Geduld, wurde unwillig und gab seinem Winzer die Weisung, den Baum umzuhauen. Der „unfruchtbare Schmarotzer“ lauge eh nur den Boden aus. Aber der Baum hatte in dem Winzer einen verständnisvollen Freund, der sich für ihn sofort stark machte. Ruhig und sachkundig erklärte er seinem Herrn, dass eine solche Radikalkur doch noch etwas verfrüht sei. Er möge dem Baum doch „noch ein Jahr“ geben. Zuerst einmal müsse man um den Baum herum den harten Boden aufhacken, auflockern, und dann sei den Wurzeln unbedingt guter Dünger beizugeben. Das würde wahre Wunder wirken. Sollten diese Maßnahmen dann wider Erwarten auch nichts nützen, dann könne man ja immer noch die Axt nehmen.
Viele Hoffnungen, viele Enttäuschungen
Glaubte der Winzer an seinen Baum, oder wollte er nur aus reiner Freundschaft Zeit herausschinden? Hat der Baum nun seine Chance genützt? Wir wissen es nicht. Die Geschichte, ein Gleichnis, stammt aus dem Lukasevangelium 13,6-9. Eine Botschaft für uns? Wer könnte denn da ein Interesse daran haben, die Axt an unser Leben legen zu lassen? Jedenfalls ist uns allen die beschriebene Situation vertraut: Auch in unserem Leben gibt es eine Menge Dinge, die nicht halten, was sie versprechen. Hat unser Leben nicht auch vor lauter Reifezeit längst verdrängt, dass es da auch so etwas wie eine Ernte geben muss? Es gibt viele Hoffnungen und Erwartungen an uns, die unfruchtbar bleiben. Viel Liebe, in uns investiert, wird nie weitergegeben, viel Hilfe in uns kommt nie an. Viele Möglichkeiten und Talente in uns bleiben ungelebt, ungeliebt. Was wir zuwege bringen, ist oft ungenießbar und macht kaum satt. Wir vertagen, verschieben, täuschen vor, tun so als ob, versprechen und geloben…
Eine tröstliche Botschaft: Da gibt es trotzdem jemand in meinem Leben, der meine Schwächen, meine Verspätungen und Verhinderungen duldet, der mir Zeit schenkt, Chancen und Geduld, Möglichkeiten zum neuen Anfang. Er gibt mir Zeit, aus Fehlern zu lernen, wieder weiter zu machen. Wie lange noch? Was ist hilfreicher: heilsame Geduld oder heilsame Ungeduld? Wäre es nicht ein guter Gedanke am Buß- und Bettag, aus dieser „furcht“-baren Spannung eine „frucht“-bare Spannung werden zu lassen?