Osterbotschaft von Erzbischof Ludwig Schick

Das Kreuz - Baum des Lebens
Schwestern und Brüder!
Wir leben in unruhigen Zeiten: Vieles, was als unveränderlich und feststehend galt, ändert sich derzeit schnell und tief greifend. Einige Beispiele: Europa steht infolge der immer noch anhaltenden Schuldenkrise und wegen des Austritts von Großbritannien aus der EU, Brexit genannt, auf dem Prüfstand. Das Jubiläum „60 Jahre Römische Verträge“, die im Jahr 1957 geschlossen wurden, thematisiert mehr die Krisensituationen der EU als deren Erfolgsgeschichte. Die politische Landschaft in fast allen europäischen Ländern hat sich durch nationalistische und populistische Parteien sowie extreme Splittergruppen verändert. Der Ton in Gesellschaft und Politik ist rauer, egoistischer und fremdenfeindlicher geworden. Bei manchen Volksvertretern, ihrem Agieren und ihrer Wortwahl fragt man sich, ob diese noch Demokraten oder schon Despoten sind. Flucht, Vertreibung und Auswanderung nehmen in der Wahrnehmung vieler Menschen Dimensionen von einer globalen Völkerwanderung an. Die Social-Media, die im Sekundentakt alle Neuigkeiten zu jedem Menschen auf der ganzen Welt bringen, verstärken die Auffassung vom rasanten Wandel in unserer Zeit noch. Alles scheint im Fluss der Veränderung, nichts ist mehr fest und sicher: „Panta rhei – alles fließt“, dieser dem griechischen Philosophen Herakit († um 460 v. Chr.) zugeschriebene Ausspruch bringt dieses Phänomen (nicht nur) unserer Zeit auf den Punkt: Alles scheint ein ewiges Werden und Vergehen zu sein.
Dieser Wandel macht vielen Menschen Angst und sie suchen Sicherheit, häufig durch Abschottung und Fremdenfeindlichkeit, durch Ablehnung anderer Kulturen und durch unzeitgemäßes irrationales Beharren auf dem eigenen materiellen Besitzstand, den nationalen Traditionen und dem persönlichen Wohlergehen.
Das Kreuz Christi – Halt im Wandel
„Stat crux dum volvitur orbis – Das Kreuz steht fest, während die Welt sich weiterdreht.“ Dieser Wahlspruch, der den Kartäusermönchen zugeschrieben wird, ließ erstmals in den unruhigen Zeiten des 16. Jahrhunderts nach der Reformation, in den Bauernkriegen und im Dreißigjährigen Krieg, die Christen erfahren: Das Kreuz gibt Halt in der Unbeständigkeit des Lebens! Es war und ist aber nicht irgendein Kreuz, sondern das Kreuz Christi, von dem der heilige Bruder Konrad von Altötting sagt: „Das Kreuz ist mein Buch. Ein Blick auf das Kreuz lehrt mich in jeder Lage, wie ich mich zu verhalten habe.“
Das Kreuz Christi ist Zeichen und Kraft gegen jeden Stillstand, gegen die Ablehnung anderer und gegen die Verfestigung im Eigenen. Das Kreuz Christi ist Heil, Leben und Hoffnung für alle. Es lädt ein und verpflichtet, Liebe und Zuversicht in die Welt einzubringen, die sich dreht, damit sie für alle Menschen zu einer Welt der Gerechtigkeit, des Friedens und der Solidarität werde. Das Kreuz und der Gekreuzigte laden ein, innezuhalten, um bei IHM Ruhe, Trost und Halt zu finden: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken […]; denn ich bin gütig und von Herzen demütig und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele“ (Mt 11,28-29). Aus der Ruhe bei IHM soll aber Kraft werden, für die Menschen und für die Welt zu handeln. Wenn wir uns auf das Kreuz Jesu Christi einlassen, dann durchkreuzt ER unser Leben, dann verbinden sich unser Leid und das so vieler Menschen weltweit mit dem Leiden Jesu auf dem Kreuzweg. Sein Leidensweg kreuzt sich dann mit den Lebenswegen vieler Menschen heute: mit den zu Unrecht Verurteilten, mit den Gefolterten und Unterdrückten, mit den vor Gewalt und Terror Fliehenden, mit den am Boden Zerstörten und Bloßgestellten, mit den Entführten und Missbrauchten, den Versklavten und Ausgebeuteten, mit den Trauernden und Entmutigten. Das Kreuz wird zur Begegnung mit Jesus Christus, und in IHM mit den vielen Menschen, die heute Kreuzwege gehen müssen: den Flüchtlingen aus Afghanistan, Syrien, dem Irak, dem Sudan etc., die nach Europa kommen; wir treffen die Opfer der Umweltkatastrophen in Peru, Kolumbien, auf den Philippinen und in Italien; wir haben die Opfer von häuslicher Gewalt, von Missbrauch, offener und verschämter Armut bei uns vor Augen. Allen diesen begegnen wir wie Simon, der Jesus das Kreuz tragen hilft, oder wie Veronika, die dem Herrn das Schweißtuch reicht, wie Maria von Magdala und Maria, der Gottesmutter, wie Johannes, dem Lieblingsjünger, die alle mitfühlen und unter dem Kreuz ausharren bis zum Tod ihres Herrn und Freundes. Sie sind Vorbilder für uns. Im Blick auf das Kreuz lernen wir, wie sie mit dem Leid anderer Menschen umgehen und wie wir unser Christsein heute leben sollen.
Nicht ohne das Kreuz, sondern mit dem Kreuz Christi lebt die Welt auch im Wandel und wandelt sich zum Besseren auf das Reich Gottes zu. Im Blick auf das Kreuz Christi lernen wir, anderen die Kreuze abzunehmen oder sie ihnen leichter zu machen, sie mitzutragen oder sie zu ertragen. Das entlastet, lässt atmen und schafft Ruhe - auch und gerade, wenn wir unsere Mitmenschen und ihre Situationen im Gebet zum Kreuz und zum Gekreuzigten tragen. In den Leidenden können wir den Gekreuzigten heute entdecken, dort begegnet er uns, dort ist unser Mitgefühl und unsere Solidarität nötig. Im Blick auf das Kreuz erfahren wir das und lernen es. Deshalb muss das Kreuz stehen und stehen bleiben, wenn sich der Erdkreis bewegt.
Im Kreuz ist Leben
Der Weg Jesu führt ans Kreuz. Sein Sterben ist Sieg über Sünde und Tod, ist Erlösung und Heil für uns Menschen. Jesus Christus hat in seiner Ohnmacht und Gottverlassenheit, die in dem einen Schrei stecken: „Eli, Eli, lema sabachtani? Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 27,46; Mk 15,34), das unvergängliche, ewige Leben für uns erwirkt. Er hat durch seinen Tod am Kreuz, Sünde und Tod besiegt. Das Leben ist seitdem für alle möglich, auch wenn es noch immer durch den Tod hindurch gehen muss. Der Schrei Jesu am Kreuz verbindet sich mit den Schreien der Flüchtlinge auf sinkenden Schiffen und den Todesschreien der von islamistischer Gewalt und dem IS-Terror Verfolgten. Mein Gott, warum hast du mich verlassen? Warum lässt Gott, das zu? Warum dieses Leid? - anklagende Schreie unserer Tage.
Das Lukasevangelium verkündet dagegen die Hoffnung und den Trost, die vom Kreuz ausgehen. Nach Lukas übergibt Jesus das Leiden an Gott in einem auf Erlösung hoffenden Gebet: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist“ (Lk 23,46). Es ist ein vertrauensvolles Gebet, dass bei Gott, seinem und unserem Vater, alles, im Leben und im Sterben, in guten Händen ist - ein Gebet, das von der Hoffnung lebt, dass durch Gottes Hand alles Unbeständige und Unvollkommene, auch alles Leid und jeder Tod im menschlichen Leben vollendet wird; ein Gebet, das Kraft und Zuversicht spenden kann für so viele Leidende dieser Welt, für Todkranke und Sterbende: Vater, dein Wille geschehe, in deine Hände lege ich mein Leben. „Als der Hauptmann, der Jesus gegenüberstand, ihn auf diese Weise sterben sah, sagte er: Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn“ (Mk 15,39).
Der Schrei am Kreuz und das vertrauensvolle Gebet zum Vater sind Protest, Hoffnung und Auftrag zugleich: Protest gegen alles zugefügte Leid, Hoffnung auf das Leben in Fülle und Auftrag, am Wirken Jesu Christi für das Leben der Welt teilzunehmen.
In der Präfation am Fest Kreuzerhöhung heißt es „vom Baum des Kreuzes erstand das Leben“. Auch an Ostern verbergen wir nicht das Kreuz. Wir richten es auf, schmücken es mit Bändern und Blumen. Durch das Kreuz geschieht Auferstehung und Leben.
Als Zeichen des Sieges über den Tod und Hoffnung für die Welt gehört das Kreuz unverrückbar zu unserem Glauben und zu unserer Kultur. Es darf nirgends und nie abgehängt werden oder heimlich verschwinden. Es muss fest stehen und gerade in Zeiten der Unsicherheit und Veränderungen sichtbar sein, weil es Halt und Sicherheit zu allen Zeiten gibt.
Das Kreuz verbindet
Das Kreuz verbindet Gott und Mensch, das drückt der vertikale Balken aus, der fest auf der Erde steht und in den Himmel ragt; und das Kreuz verbindet die Menschen untereinander; das bedeutet der horizontale Balken. Die Verbindung Gott-Mensch und Mensch-Mitmensch geschieht nicht irgendwie, sondern durch die Person, Jesus Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch. Ihn, den Gekreuzigten, der uns Halt, Heil und Leben ist, verehren wir – wir beugen unser Knie vor ihm, der sich unseretwegen klein gemacht hat, Mensch wurde, uns die Botschaft des Reiches Gottes verkündet hat und sich aufs Kreuz legen ließ, damit wir „das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10,10). Unser Lebens- und Glaubensweg führt zum Kreuz – unter das Kreuz – und durch das Kreuz hindurch zum österlichen Leben, zum Leben der Auferstehung: „Wir danken dir, Herr Jesus Christ, dass du für uns gestorben bist […,] dass wir im Kreuz geduldig sein […,] dass wir durchs Kreuz ins Leben gehn“ (GL 297).
Ich wünsche Ihnen gnadenreiche Kar- und Ostertage, dass Sie im Kreuz Halt und Heil und durch das Kreuz und den Gekreuzigten eine neue, eine österliche Lebenshaltung finden.
Ihnen allen ein gesegnetes, froh machendes Osterfest 2017.
Ihr Erzbischof
Dr. Ludwig Schick