Lernen, über die Pfarrei hinauszublicken

Serie „Unsere Seelsorgebereiche“ des Heinrichsblatts

Sieben Pfarreien und fünf Filialgemeinden gehören zum Seelsorgebereich Erlangen Nord-West, der wie die anderen 34 Seelsorgebereiche im Erzbistum am 1. September 2019 gegründet wurde. Knapp 20 000 Katholiken sind hier zu Hause. Den Kern bildet der „alte“ Seelsorgebereich im Erlanger Westen mit den beiden Pfarreien in Büchenbach, St. Xystus und Zu den Heiligen Aposteln, sowie St. Heinrich in Alterlangen und Albertus Magnus in Frauenaurach. Hinzu kamen ein nördlicher Teil entlang der Autobahn A73 mit Bubenreuth, Möhrendorf, Hagenau und Baiersdorf sowie ein nordwestlicher Teil mit Dechsendorf, Röttenbach, Hemhofen und Zeckern.
In der Mitte geteilt
Die dort bisher bestehenden Seelsorgebereiche „haben sich in der Mitte geteilt und sind jeweils anderen Seelsorgebereichen zugeordnet worden“, wie Leitender Pfarrer Marcel Jungbauer erläutert. Er hat seinen Sitz in St. Xystus in Erlangen-Büchenbach, wo auch der Verwaltungssitz des Seelsorgebereichs ist. Zum Team der Hauptamtlichen gehören zurzeit vier weitere Priester sowie je zwei Pastoral- und Gemeindereferentinnen beziehungsweise Referenten. Als Verwaltungsleiterin fungiert Sandra Mönch, die Verwaltung der Kindertagesstätten im Seelsorgebereich organisiert Gertrud Stubenvoll.
Nach den Worten von Jungbauer gab es vor dem Neuzuschnitt der Seelsorgebereiche einen „Suchprozess eher in den Westen“, Richtung Herzogenaurach, „weil da viele Überschneidungen bestehen und Gemeinden durchaus Interesse gehabt hätten“. Doch die dann gefundene Lösung sei in den Pfarrgemeinderäten besprochen worden. „Von der Struktur her passt es gut“, so der Leitende Pfarrer. Wenn die Hauptamtlichen in die Gemeinden kommen, stellen sie fest, dass die Gläubigen einen ähnlichen Hintergrund haben, beruflich und familiär. „Da ist oftmals die gleiche Denkrichtung da“, unterstreicht Jungbauer.
Nicht wenige Kirchenmitglieder im Seelsorgebereich arbeiten bei Siemens oder an der Erlanger Universität. Das Gebiet gehört zum „Speckgürtel“ der Stadt, wie Soziologen sagen würden. Doch etwa am Europakanal wohnen auch Menschen, die nicht unbedingt auf der Sonnenseite des Lebens stehen. „Man merkt das zum Beispiel bei Beerdigungen, dass die Leute sparen müssen“, sagt Pastoralreferent Leo Klinger. Oder bei Zeltlagern, da wird die Caritas nach Zuschüssen gefragt, damit auch Kinder und Jugendliche aus bedürftigen Familien mitfahren können. „Wir haben fast alles“, so Klinger. Auch im betuchten Alterlangen gibt es einen Caritas-Schrank, wo die Leute sich etwas mitnehmen können. Die Erlanger Tafel verteilt auch in Büchenbach Lebensmittel an Menschen, deren Geldbeutel nicht so prall gefüllt ist.
Der Seelsorgebereich hat den Zweck, die Seelsorge zu sichern und die pastorale Zusammenarbeit zwischen den Pfarreien in allen Bereichen zu fördern und zu strukturieren, wie es auf der Homepage heißt. Im vormaligen Seelsorgebereich im Erlanger Westen haben die Hauptamtlichen schon zuvor vernetzt zusammengearbeitet und schauen aus diesen Erfahrungen positiv in den gesamten Seelsorgebereich. Hier gibt es schon seit geraumer Zeit einen gemeinsamen Pfarrgemeinderat. Die Kommunion- oder die Firmvorbereitung, für die schwerpunktmäßig Gemeindereferentin Christine Held-Winkelmann verantwortlich ist, wird gemeindeübergreifend organisiert. Das hat man nun auf den neuen, großen Seelsorgebereich übertragen. „Das bedeutet natürlich auch, dass viel mehr dazugekommen ist“, sagt Herrmann.
Alterlangen und Möhrendorf zum Beispiel waren früher schon einmal zusammen gewesen, wie Leo Klinger schildert. Noch heute organisiert die Jugend ein gemeinsames Zeltlager. „Bei manchen hat es sich fast harmonisch ergeben, andere haben sich Gedanken gemacht und überlegt, wie es eben am besten passt“, berichtet der Pastoralreferent. Mancherorts ist die Situation ähnlich wie in der evangelischen Kirche, etwa in Dechsendorf, das noch zur Stadt Erlangen gehört. Die Protestanten dort arbeiten eng mit Büchenbach zusammen, nun ist das auch auf katholischer Seite der Fall. Dechsendorf ist übrigens neben Röttenbach der einzige überwiegend katholische Ort im Seelsorgebereich – sonst ist die Struktur überall ähnlich: ein Drittel katholisch, ein Drittel evangelisch, ein Drittel andersgläubig oder „nichts mehr“, wie Pfarrer Jungbauer sagt.
Das Bewusstsein, in einem gemeinsamen pastoralen Raum zu leben, ist in Erlangen Nord-West offenkundig schon weit gediehen. „Es gibt kein Denken für die Pfarrei mehr“, so der Leitende Geistliche. „Es muss für den Seelsorgebereich gedacht werden.“ Nur noch drei Prozent der Gläubigen, schätzt Jungbauer, denken in Gemeindekategorien. Das sind nach seinen Worten meistens die über 50-Jährigen. Die alternative Denkrichtung ist die in Gemeinschaften, in „Gemeinde auf Zeit“, etwa bei der Kommunionvorbereitung, bei der Kinder und Eltern verschiedene Kirchorte kennenlernen – und damit lernen, über die eigene Pfarrei hinauszublicken.
„Wir sind miteinander auf dem Weg“, beschreibt Beate Herrmann diesen Lernprozess. Mal findet der Gottesdienst in der einen Kirche statt, mal feiert man zwei Kilometer weiter in der nächsten Kirche. „Natürlich soll dann vor Ort jede Kindergruppe ihre Kommunionfeier bekommen“, so die Gemeindereferentin. „Das machen wir möglich.“ Die Vorbereitung aber ist übergreifend. Einer der Vorteile dabei: Auch die Eltern der Kommunionkinder lernen sich pfarreiübergreifend kennen, tauschen sich aus, vernetzen sich untereinander. Die nachlassende Verbundenheit mit der eigenen Pfarrei und die Offenheit, über den heimischen Tellerrand hinauszublicken, sind zwei Seiten einer Medaille.
Was den Hauptamtlichen im Seelsorgebereich dennoch wichtig ist: Für jede Pfarrei gibt es eine feste Ansprechpartner, einen festen Ansprechpartnerin, „um auch ein Gesicht zu haben“, wie es Beate Herrmann ausdrückt. Sie selbst ist für Frauenaurach und Bubenreuth verantwortlich, Pfarrer Jungbauer für die beiden Pfarreien in Büchenbach, Leo Klinger ist Gemeindeleiter in Alterlangen und Möhrendorf, Pastoralreferent Georg Kotschenreuther ist Ansprechpartner für die Katholiken in Dechsendorf. Für die Gemeinden Röttenbach, Hemhofen und Zeckern zeichnet Pfarradministrator Jacob Kurasserry verantwortlich und für Baiersdorf und Hagenau Pfarrvikar Robert Mayr. „Die Leute wissen, sie können sich an den oder die wenden“, sagt Klinger. Aber es könne auch mal jemand anderes aus dem Team auftauchen – diese Vielfalt werde vor Ort durchaus als Zugewinn erlebt.
Eine weitere zentrale Aufgabe ist die Begleitung der Ehrenamtlichen. „Wir wollen sie ermutigen und ermuntern“, so Pastoralreferent Leo Klinger. In Möhrendorf bestehen schon gute Ansätze, „Glauben und Gemeindeleben ganz eigenständig zu gestalten“, wie Pfarrer Jungbauer erläutert. In verschiedenen Schattierungen gebe es das auch an anderen Orten – etwa in der Ministrantenarbeit, bei der Kolpingsfamilie und anderen Verbänden, im Frauenbund etwa. Die Kirchen und die Gegebenheiten vor Ort sollen dabei für die jeweiligen Herausforderungen genutzt werden. St. Xystus eignet sich etwa hervorragend für Trauungen und Taufen, die Kirchen in Bubenreuth und Alterlangen werden wegen ihrer Größe gerne für Firmvorbereitung und -feiern genutzt.
Und das Pastoralkonzept des Seelsorgebereichs? „Ist fertig und genehmigt“, sagt Marcel Jungbauer. Der damals noch amtierende Erzbischof Ludwig Schick hat es beim Heinrichsfest entgegengenommen. „In dem Konzept steht drin, wonach wir ohnehin arbeiten“, so der Leitende Pfarrer. „Wir haben unsere Arbeitsgrundlage geschärft, um es für alle bewusst zu machen.“ Auch ein Präventionskonzept ist in Vorbereitung, bei zwölf Gemeinden keine ganz leichte Angelegenheit, denn es geht auch darum, die Zuständigen vor Ort mitzunehmen. „Das sind nicht nur Zeitungsmeldungen, sondern betrifft uns alle“, sagt Beate Herrmann. Auch bei diesem Thema sei es von Vorteil, dass es den Seelsorgebereich gebe, so Jungbauer: „Wir haben einen Pool an Menschen, die die Pfarrgemeinderäte informieren und motivieren.“
Die Seelsorge sichern - Drei Fragen an Leitenden Pfarrer Marcel Jungbauer
Wie ist das Zusammenwachsen in Ihrem neuen, größeren Seelsorgebereich bisher verlaufen?
Jungbauer: Unser Seelsorgebereich steht beim Zusammenwachsen auf unterschiedlichen Intensitätsniveaus. Das pastorale Team arbeitet im ganzen Bereich, wobei es Zuordnungen von Schwerpunkten gibt. Das soll einen vertrauten und intensiveren Kontakt mit den Gläubigen in einem Gebiet ermöglichen. Jeder hat gleichzeitig den gesamten Seelsorgebereich im Blick und dort auch Einsätze. Das wöchentliche Dienstgespräch der hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zeigt allen die Vielfalt und die Fülle, die wir angemessen aufteilen. Mit großer Hoffnung stellen wir im Team dabei fest, dass sich auch die Gemeinden auf diesen offeneren Blick einlassen. In manchen Gebieten unseres Seelsorgebereichs haben sich mehrere Gemeinden dazu entschlossen, einen gemeinsamen Pfarrgemeinderat zu wählen. Entgegen der anfänglichen Sorge hat sich gezeigt, dass viele Vorbehalte abgebaut werden, wenn Nachbarn merken, dass sie über den gleichen Problemen brüten, die gleichen Sorgen haben und ähnliche Lösungsansätze verfolgen. Oft hilft der Austausch im gemeinsamen Rat, gemeinsame Lösungen zu finden. Wenn jeder sich ein wenig bewegt, wird ein großer gemeinsamer Schritt daraus.
Was schätzen Sie besonders an ihrem Seelsorgebereich?
Jungbauer: Ein wichtiges Pfund in unserem Seelsorgebereich ist der sehr kritische Blick, der den Menschen in der Erlanger Gegend eigen ist. Die Leute wollen überzeugt werden, dazu nehmen sie sich auch die Zeit und wollen Planungen bis auf den Grund durchblicken. Anordnungen funktionieren hier nicht. Aber die gemeinsame Suche bringt stets gemeinsame Wege. Wenn die Beteiligten dann zu einer Idee stehen, tragen sie sie auch mit viel Engagement durch. Diesem Willen, überzeugt zu werden, steht auf der anderen Seite eine bemerkenswerte Offenheit zu experimentellen Versuchen gegenüber. Vieles ist denkbar. Vieles kann ausprobiert werden. Manchmal bin ich überrascht davon, wie abenteuerfreudig die eine oder andere Idee aufgenommen und umgesetzt wird, bei der das hauptamtliche Team eher zurückhaltend gewesen wäre.
Wie sehen Sie den Seelsorgebereich in den kommenden fünf Jahren?
Jungbauer: Für die nächsten fünf Jahre möchten wir die Seelsorge in unserem Bereich sichern. Da, wie an den meisten Orten unserer Diözese, die Mitarbeiterzahl eher rückläufig ist, drängt sich uns die Frage auf, welche unserer Aktionen zum Kerngeschäft von Kirche gehören. Ein Mitglied eines Rates hat sehr deutlich gesagt: „Bevor wir überlegen, wie wir unsere Botschaft an die Frau und den Mann bringen, müssen wir überlegen, was wir vermitteln wollen.“ Die Herausforderung der Kirche in unserem Seelsorgebereich in diesen Jahren wird sein, zu prüfen, was der Verkündigung und noch mehr dem Leben der Frohen Botschaft dient. Was trägt Menschen im Glauben, in der Hoffnung und in der Nächstenliebe? Klar sind dabei die Klassiker der Seelsorge, die Feier der Lebenswenden, Taufe, Erstkommunion und Trauerbegleitung. Dazu kommen die Gruppen, in denen Menschen ihr Glaubensleben gestalten. Sie sollen zukunftsfähig bleiben. Manches Absterbende werden wir betrauern und gehen lassen und dafür anderes zum Leben stärken.
Zahlen und Daten zum Seelsorgebereich
- Pfarreien und Filialen: St. Xystus, Zu den Heiligen Aposteln (beide Erlangen-Büchenbach), St. Heinrich (ER-Alterlangen), St. Albertus Magnus (ER-Frauenaurach), Unsere Liebe Frau (ER-Dechsendorf), St. Mauritius (Röttenbach), Maria Königin (Hemhofen), St. Wendelin (Zeckern), Maria Heimsuchung (Bubenreuth), St. Elisabeth (Möhrendorf), St. Josef (Baiersdorf), St. Marien (Baiersdorf-Hagenau)
- Katholiken: 19 318 (Stand: 31.12.2022)
- Ltd. Pfarrer: Marcel Jungbauer (seit 09/19)
- Weitere Geistliche: Robert Mayr (Pfarrvikar), Jacob Kurasserry (Pfarradministrator), Martin Sobymon Varghese (Pfarrer zur seelsorglichen Mithilfe), Markus Grasser (Kaplan)
- Verwaltungsleiterin: Sandra Mönch (seit 10/21)
- Pastoral- und Gemeindereferenten: PR Leo Klinger, PR Georg Kotschenreuther, GR Christine Held-Winkelmann, GR Beate Herrmann
- Kita-Geschäftsführerin: Gertrud Stubenvoll
- Vorsitzende des Seelsorgebereichsrats: Markus Hößl, Philipp Knorrenschild (Stellvertreter)
- Verwaltungssitz: Pfarrei St. Xystus, Bachgraben 3, 91056 Erlangen-Büchenbach, Tel. 0 91 31 / 99 03 10
- Internet: https://ssb-erlangen-nordwest.de/
