IMPULS DES TAGES
Der unterschätzte Text
Zugegeben: Zu den Topfavoriten der meisten Gottesdienstbesucher zählt das heutige Evangelium vom Tag nicht. Man ist noch ganz beschwingt von der sehr bildhaften Geschichte aus der Nacht, erwartet viele kleine Engelchen, die Hirten und natürlich das Kind im Stall. Und dann hört man: Im Anfang war das Wort …
Die meisten dürften wissen, welchen Text ich meine: Der Prolog des Johannesevangeliums. Es ist einer dieser Texte, die man zwar kennt und im Ohr hat, aber nie so richtig versteht. Eigentlich schade. Für mich zählt der Text zu einem der hoffnungsvollsten, den unser Glaube zu bieten hat.
Heute lade ich Sie darum zu einer kleinen Zeitreise ein. Stellen Sie sich vor, Sie wären ein Mensch im ersten Jahrhundert in Griechenland. Das Leben spielt sich zumeist in den Städten ab; hier ist Zivilisation, hier ist Fortschritt. Das Zentrum der Stadt ist die Agora, der Marktplatz. Hier wird gehandelt, gefeilscht, verkauft. Hier trifft man sich aber auch, um Neuigkeiten auszutauschen. Hier stehen bedeutende Tempel, auch die Verwaltungsgebäude. Überdachte Säulenhallen bieten Schatten vor der prallen Sonne - denn schließlich ist hier auch der Ort, wo man diskutiert und philosophiert. Die Griechen haben immerhin die Philosophie erfunden.
Und nun stellen Sie sich vor, Sie begegnen dabei einem Christen. Er kommt auf sie zu und singt: Im Anfang war das Wort. Singen? Ganz recht, denn der Prolog des Johannesevangeliums ist ein uralter christlicher Hymnus, wenn man so will eines der ältesten Kirchenlieder der Welt …
Als Grieche, dem Literatur und Philosophie vertraut sind, werden Sie interessiert zuhören. Ich versichere Ihnen: Gleich an drei Stellen werden Sie aufmerken.
Erstens: Anfang. Im griechischen Originaltext steht hier arche. Damit ist nicht Noahs Schiff gemeint. Vielmehr heißt dieses griechische Wort „Ursprung und Anfang“.
Arche – ein Grundbegriff der griechischen Philosophie. Das wollten die Freunde der Weisheit (das heißt Philosoph übersetzt) ergründen. Was ist der Ursprung der Dinge? Was steht hinter den Dingen? Die Römer haben es mit principium übersetzt. Was ist das Prinzip, das „die Welt im Innersten zusammenhält“? Für die einen die vier Elemente, für die anderen Atome.
Und nun kommt da dieser Christ und bekennt: Im Anfang war das Wort.
Zweitens also: Das Wort. Noch so etwas, das Ihnen als Griechen bekannt vorkommt. Im Griechischen: logos. Ein echter „Allerweltsbegriff“. Er heißt „Wort, Rede und Sinn“. Als gebildeter Grieche wissen Sie natürlich, dass es Philosophen gibt, die an einen Logos glauben. An eine große Weltseele - das Prinzip, das allem einen Sinn und ein Wesen gibt.
Sie sind verwirrt. Denn der Christ vor Ihnen spricht nicht von einem Logos, sondern von dem Wort. Das göttliche Wort ist für den Christen eine Person: Jesus, das göttliche Wort, das Mensch wird, das Fleisch annimmt.
Und so kommen Sie zum dritten Wort, das sie stutzen lässt. Fleisch. Im Griechischen sarx. Sie als Grieche sehen im Menschen ein ganzheitliches Wesen. Leib und Seele. Und Fleisch ist für Sie alles Weiche, alles Vergängliche. Sarx verrottet. Wenn der Christ vor Ihnen also bekundet: Das Wort ist Fleisch geworden, dann hat das nichts feierliches, nichts poetisches. Es ist geradezu unerhört. Für Sie ist Göttlichkeit etwas ganz anderes: Etwas Unvergängliches, das sich nicht in die Lebenswirklichkeit Ihres Fleisches herablässt. Und doch: Für den Christ ist Gott in seinem Sohn Mensch, Fleisch geworden.
Und damit ist unsere kleine Zeitreise an ihrem Zielpunkt angelangt. Vielleicht hat sie ja bei Ihnen etwas Interesse geweckt? Lesen Sie ihn doch einfach einmal in diesem neuen Licht. Diesen unterschätzten Text.