IMPULS DES TAGES

„Der Mai ist gekommen …“
„Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus“ - so lautet ein bekanntes Lied bzw. Gedicht, mit dem sicher schon viele Generationen vor uns diesen Wonnemonat Mai begrüßt haben. Und auch heute noch kennen viele dieses alte Lied oder – um realistisch zu blieben – die ersten Zeilen dieses Liedes bzw. Gedichtes.
Es ist ein spätromantisches deutsches Frühlingsgedicht von Emanuel Geibel aus dem Jahr 1841, das in der Vertonung von Justus Wilhelm Lyra aus dem Jahr 1842 auch als „Frühlings- und Wanderlied“ populär wurde. (Eine kleine persönliche Anmerkung: in meiner Studienzeit in Würzburg wohnte ich eine gewisse Zeit in einer Straße, die den Namen dieses Dichters – eben „Geibelstraße“ – trug; gerne erinnere ich mich noch heute daran zurück.)
Doch wie geht die erste Strophe weiter, wie lautet sie als ganze?
„Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus,
da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zuhaus;
wie die Wolken dort wandern am himmlischen Zelt,
so steht auch mir der Sinn in die weite, weite Welt.“
„Schön wär’s!“ werden manche nun sagen - in Zeiten von Corona und allem, was damit verbunden ist. „Gerne würde ich in die weite, weite Welt ziehen…“
Stattdessen erleben wir derzeit Reise- und Ausgangsbeschränkungen, Kontaktverbote, z.T. sogar häusliche Quarantäne, Versammlungsverbote, geschlossene Gaststätten und Herbergen …
Wir müssen – um die Verbreitung des Corona-Virus einzudämmen – notwendigerweise Abstand halten voneinander, auf Begegnungen mit anderen, auf gemeinsame Treffen mit Freunden und Freundinnen weitgehend verzichten, geplante Ausflüge, Fahrten und Unternehmungen aus unserem Programm streichen - was schmerzlich und bedauerlich, aber als hilfreiche Maßnahme gegen das Virus halt sinnvoll und ratsam ist.
Als das Virus kam, wurde die weite Welt plötzlich eng. Wo sie uns genommen ist, die Weite, spüren wir, wie sehr wir sie brauchen. Wie elementar wir allein schon von dem Gefühl leben, aufbrechen zu können, frei atmen zu können!
Gut, dass dies aktuell wenigstens im Kleinen – als Einzelne/r, als Familie, als Lebensgemeinschaft oder seit kurzem auch zusammen mit einem/einer Freund/in, einem/einer Verwandten oder Nachbarn/in – möglich ist; gut, dass dies aktuell zumindest in der näheren Umgebung, draußen in der grünenden und blühenden Natur möglich ist, dass wir spazieren gehen oder wandern können – so wie es in der dritten Strophe des besagten Maienliedes heißt:
„Frisch auf drum, frisch auf drum im hellen Sonnenstrahl
wohl über die Berge, wohl durch das tiefe Tal.
Die Quellen erklingen, die Bäume rauschen all;
mein Herz ist wie ’ne Lerche und stimmet ein mit Schall.“
Die Weite und den Aufbruch in Gottes schöner Natur und in unserem Leben spüren zu können, Offenheit und Freiheit erleben und erahnen zu können, ist für uns Menschen ein Herzensanliegen; darin entdecken wir schließlich sogar „Gottes Odem“ wie es in der letzten Strophe heißt:
„O Wandern, o wandern, du freie Burschenlust!
Da weht Gottes Odem so frisch in die Brust,
da singet und jauchzet das Herz zum Himmelszelt:
wie bist du doch so schön, du weite, weite Welt!“
Ja, Gott gab uns – wie es in einem modernen ökumenischen Kirchenlied (im Gotteslob Nr. 468) heißt – Atem, damit wir leben. Er gab uns Augen, dass wir uns sehn. Gott hat uns diese Erde gegeben, dass wir auf ihr die Zeit bestehn.
Nutzen und genießen wir also, was Gott uns schenkt, was wir in diesem Monat Mai besonders spüren und erleben dürfen; und atmen wir kräftig und bewusst immer wieder mal ein und aus, lassen wir uns von Gottes Atem Kraft schenken für unser Leben, lassen wir uns begeistern, erfrischen und beleben!