IMPULS DER WOCHE
Herz – Hirte – Herde
Ich schrecke hoch, brauche einen Augenblick um mir wieder über Raum und Zeit klar zu werden. Ganz ruhig, es ist früher Nachmittag und du hast heute deinen freien Tag. Auf dem Tisch vor mir liegt ein Buch, besser: das Buch. Ich habe gerade etwas in der Heiligen Schrift geblättert. Die liturgischen Texte zum Herz-Jesu-Fest, das an diesem Freitag begangen wird. Eine Lesung aus dem Buch Ezechiel (Ez 34,11-16), der 23. Psalm als Antwortgesang und dazu ein Abschnitt aus dem Lukasevangelium (Lk 15,3-7).
Ich lese mir alles noch einmal durch: Von allerhand Schafen ist da die Rede. Dass Gott sich um seine Herde kümmert, dass er sie weidet und den Verlorenen nachgeht. Naja, man kennt diese Bilder ja. Innerlich werde ich ungeduldig: Das alles ist ja schön und gut. Aber was hat das mit dem Herzen Jesu – ja, was hat es mit mir zu tun? Viele der biblischen Bilder kann man in Gedanken zwar wunderbar ausmalen, wir sind mit ihnen vertraut. Im Alltag wirken aber gerade diese so oft gebrauchten, bunten Bilder – irgendwie fremd, deplatziert.
Schafe. Wenn ich keine eigene Herde hüten muss, wenn ich im lieblich blühenden Regnitztal sitze und nicht durch die Arava ziehe, wenn die Negev weit weg ist und der Brunnen selbst bei sengender Hitze genügend Wasser hat – nein, dann kann ich die Bilder vom Hirten und von der Herde nicht wirklich nachvollziehen. Kann nicht verstehen, wie kostbar und wertvoll eine eigene Herde ist. Wie wichtig Hirten für eine florierende Wirtschaft und für das Überleben des Stammes sind – das Bild vom ungeliebten, verstoßenen, verachteten Hirten ist meiner Meinung nach ein historisches Vorurteil.
Jetzt sind meine Gedanken doch tatsächlich wieder abgeschweift. Mein Blick wandert über das Bücherregal. Über mancherlei Einbände, und bleibt bei einem hängen. Ein kleines Büchlein, das ich immer wieder einmal zur Hand nehme. Zur Entspannung. Weil mir seine Illustrationen gefallen. Es handelt sich um „Der kleine Prinz“, jene Erzählung, die den französischen Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry weltberühmt gemacht hat. In der Schule hatten wir den Prolog vom Lateinischen ins Deutsche übertragen dürfen, eine „Spielerei“, die mich irgendwann dazu bewogen hat, mir das „Original“ zuzulegen – nicht auf Latein, sondern in Deutsch.
Auch hier geht es ja um Schafe – um gezeichnete. Und um das Herz. „Man sieht nur mit dem Herzen gut“ – ein Auspruch aus dem Buch, der mittlerweile zum geflügelten Wort geworden ist. Das Zitat geht (und das wird oftmals unterschlagen) eigentlich noch weiter. Und doch scheint es wunderbar zu diesem Fest – Heiligstes Herz Jesu – zu passen. Der Hirt, der wieder zur Herde, zu seinem kostbarsten Schatz findet. Die Herde, die zum Hirten „heimkehrt“. Und Jesus, der wahre Hirte, der ein unendlich großes Herz für die Menschen hat.
Jesus Christus, guter Hirte,
du siehst mir ins Herz, nichts ist dir verborgen –
ich darf mich in deine Liebe versenken,
denn du hast ein Herz für die Deinen.
Sieh auf mich, verlass mich nicht,
führe mich den Weg zum Leben.
Amen.