IMPULS DER WOCHE
In den Spiegel schauen
Haben Sie heute schon in den Spiegel geschaut?
Vielleicht am Morgen, als Sie sich im Bad zurecht gemacht haben?
Besonders am Morgen, wenn wir aufstehen, da sehen wir uns, so wie wir sind.
Nur die wenigsten Menschen in unserem Leben, vielleicht die Familie, der Partner, die Partnerin, die Kinder dürfen uns so sehen, wenn uns da müde Augen, Fältchen, ungemachte Haare, unrasierte Gesichter oder ähnliches entgegenschauen.
Am Morgen, beim ersten Blick in den Spiegel, da ist bei den meisten von uns wohl das da,
was wir vor anderen im späteren Tagesablauf verbergen,
was wir gleich verändern, verbessern, optimieren wollen.
Könnte man ja, wenn man länger hinschaut, wenn man nicht gleich mit den vermeintlichen Verbesserungsarbeiten beginnt, vielleicht ja noch mehr sehen.
Die Sorgen und die Tränen, die unsere Augen so rot und dick haben werden lassen,
den Ärger und die Sorge, die uns so manche Falte im Gesicht haben entstehen lassen,
die vergangene Nacht, in der vor Einsamkeit oder Grübeleien kein Schlaf zu finden war,
die Probleme, die uns die Haare zu Berge stehen lassen.
Vielleicht würden wir all das entdecken, wenn wir in unser ungeschminktes Gesicht am morgen ein wenig länger blicken würden, wenn wir es nicht gleich mit Wasser und Seife, mit Rasierschaum oder Makeup bearbeiten würden.
In den Spiegel schauen, alltäglich und ganz normal,
aber auch gefährlich, wenn man ein wenig länger hinschaut.
Wie wäre es, 40 Tage lang ein wenig länger hinzusehen?
Wie wäre es, 40 Tage lang ungeschminkter Wahrheit ins Auge zu blicken?
Wie wäre es, 40 Tage lang keine Verbesserungsarbeiten daran vorzunehmen?
Ich meine nicht, dass wir nun mit Anbruch der Fastenzeit die Gesichtspflege schleifen lassen sollen, bitte rasieren Sie sich weiter, machen Sie sich weiter die Haare zurecht, greifen Sie weiter zu Creme und Schminktopf.
Aber wie wäre es, all dem ins Gesicht zu blicken, was da hinter unseren roten Augen, hinter unseren zusammengepressten Lippen, hinter unseren Sorgenfalten, hinter unseren zu Berge stehenden Haare steckt?
Aschermittwoch ist es geworden, der Auftakt der Fastenzeit.
Fasten, das kommt vom Wortursprung von festmachen, stark machen, sich festigen.
Eine Zeit, die uns stark machen will, die uns einlädt, uns neu festzumachen am Leben, an der Liebe, an Gott.
Und dazu braucht es manchmal einen ganz ungetrübten Blick in den Spiegel, einen ganz ehrlichen und auch mutigem, und unbedingt liebevollen Blick in das, was wir da sehen.
Dazu dürfen wir aber Mut schöpfen aus unserem Glauben:
Über allem und vor allem steht unser Gott, ein Gott, der die Höhen und Tiefen in seinem Sohn für uns mitgemacht hat,
ein Gott, der die Abgründe des Lebens, meines Lebens kennt, sie selber mit mir besteigt,
ein Gott, der mich geschaffen hat und mich eingezeichnet hat in seine Hände,
ein Gott, der mich so will, so liebt und so trägt, wie ich bin
ein Gott, der im Zeichen des Kreuzes mir seine ganze Liebe entgegenhält,
ein Gott, der mich sieht, der mich ansieht.
Deshalb darf ich einen ungeschminkten Blick, auch einen längeren, in mein Leben wagen und nachsehen, wo es überall Almosen bedarf, wo ich dringend wieder mehr an Zuneigung, Zeit und Herz geben darf - in meinen Beziehungen, auch in der Beziehung zu mir selbst.
Deshalb darf ich einen ehrlichen Blick wagen und nachsehen,
auf was ich gut und gerne verzichten kann, auf was ich fasten kann, vielleicht ist das ein Gedanke, der immer wiederkehrt und mich herunterzieht, vielleicht ist das eine Haltung oder Einstellung, ein Abhängig machen von der Meinung anderer, von Ansehen.
Deshalb darf ich einen ehrlichen Blick wagen und mit Gott frei von der Seele reden, es wagen, ihm Freud und Leid zu klagen, ihn einzubeziehen in meinen ganzen Alltag.
Und bei all dem, bei meinen Almosen, bei meinem Fasten, bei meinem Beten, bei all meinen Versuchen und Schritten in der Fastenzeit, da sieht Gott mich, so wie ich bin.
Und ich darf vertrauen, dass auch dann, wenn ich meine Narben und Wunden, meine zu Haare stehenden Berge, meine Falten und roten Augen nach ihrer Ursache hinterfragt habe, sein Blick für mich immer noch voller Liebe ist und er mir dabei helfen wird, eine Spur mehr Liebe zu wagen, für die Welt, für meine Mitmenschen und für die, die ich da im Spiegel sehe.
Ich wünsche Ihnen, ich wünsche mir für diese Tage der Fastenzeit einen ungeschminkten Blick in das eigene Leben und die über allem stehende Hoffnung und Gewissheit:
Ich bin angenommen, Gott schenkt uns im Kreuz seines Sohnes einen neuen Anfang, ein neues Leben, ein Leben in Fülle, im Tod, und heute und hier.