Hirtenbrief von Erzbischof Ludwig Schick

„Lasst uns auf Jesus blicken!“
Liebe Schwestern und Brüder!
Jesus Christus ist das Zentrum unseres christlichen Lebens. Der Hebräerbrief schreibt an die Christen seiner Zeit: „Lasst uns mit Ausdauer in dem Wettkampf laufen, der uns aufgetragen ist, und dabei auf Jesus blicken, den Urheber und Vollender des Glaubens“ (Hebr 12,1-2). In der zweiten Lesung des heutigen Sonntags weist uns der Apostel Paulus auf das Gleiche hin: „Wenn du mit deinem Mund bekennst: ‚Jesus ist der Herr‘ und in deinem Herzen glaubst: ‚Gott hat ihn von den Toten auferweckt‘, so wirst du gerettet werden“ (Röm 10,9). Im Blick auf Jesus und durch das Bekenntnis, „Jesus ist der Herr“, sind wir Christen, leben und wirken wir als Christen und werden vollendet durch Christus.
Das Thema meines Hirtenbriefes zur österlichen Bußzeit 2013 ist die Liturgie. Ich möchte Ihnen und Euch die „bewusste und tätige Teilnahme an den Gottesdiensten“ (SC 14) ans Herz legen, denn sie lenken unseren Blick auf Jesus und lassen uns gemeinsam bekennen, ER ist der Herr!
Mit der Liturgie befasst sich in diesem Jahr auch der Dialogprozess der katholischen Kirche in Deutschland. Und vor 50 Jahren, am 4. Dezember 1963, wurde als erstes Dokument des Zweiten Vatikanischen Konzils die Liturgiekonstitution „Sacrosanctum Concilium“ (SC) feierlich verkündet.
Gottesdienst – das Herz der Kirche
Leider nehmen am Gottesdienst immer weniger Katholiken teil. Dennoch erreicht kein anderes Tun der Kirche den Rang und die Anziehungskraft der Liturgie. Das Konzil sagt: „Die Liturgie [ist] der Höhepunkt, dem das Tun der Kirche zustrebt, und zugleich Quelle, aus der all ihre Kraft strömt.“ (SC 10). In der gesamten Tradition der Kirche nimmt die Liturgie daher eine bedeutende Rolle ein.
Jesus lädt uns durch das Beispiel seines Lebens zum persönlichen Gebet, zum öffentlichen Bekenntnis des Glaubens und zum gemeinsamen Gottesdienst ein - ja verpflichtet uns dazu! Jesus war Jude. Die Evangelien erzählen, dass er die jüdischen Fest- und Feiertage beachtete, an den Wallfahrten zum Tempel nach Jerusalem und an den Gottesdiensten dort teilnahm, das Psalmengebet pflegte und den Sabbat hielt. Gern und immer wieder zog er sich auch zum persönlichen Gebet zurück (vgl. z. B. Mk 1,35). Nach seiner Taufe verbrachte er 40 Tage in der Wüste mit Fasten und Beten. Seit dem Tod Jesu versammelten sich die Jünger und später die frühen christlichen Gemeinden am ersten Tag der Woche, dem Tag der Auferstehung Christi, zu Gebet und Gottesdienst (vgl. Joh 20,19.26 und Didache 14,1-3). Der Mönchsvater des Abendlandes und Patron Europas, der heilige Benedikt von Nursia, mahnt in seiner Regel: „Dem Gottesdienst soll nichts vorgezogen werden.“
Du sollst den Sonntag heiligen
Vor allem der Sonntag soll durch die Mitfeier des Sonntagsgottesdienstes geheiligt werden. Besonders in der Eucharistiefeier blicken wir auf Jesus und bekennen ihn als unseren Herrn. Das Kirchengebot, an den Sonn- und Feiertagen die heilige Messe mitzufeiern, gilt nach wie vor. Es beinhaltet auch das Verbot von Arbeiten und Tätigkeiten, die die Heiligung des Sonntags gefährden. Der Sonntag ist der Tag des gemeinsamen Ausruhens und der Erholung für Leib und Seele, er ist wichtig für die Familien und das kulturelle Leben.
Das Herzstück des Sonntags aber ist der Gottesdienst. Ihn dürfen wir als Einladung Jesu verstehen, auf ihn zu blicken, ihn zu hören, mit ihm zu feiern, Gemeinschaft mit ihm und untereinander zu haben. Der sonntägliche Gottesdienstbesuch ist eine wichtige Erfüllung des Hauptgebotes der Gottes- und der Nächstenliebe: Wir zeigen Gott unsere Liebe durch Lob, Dank und Bitte. Durch das gemeinsame Beten, Singen, Hören und Bekennen stärken wir unsere Nächsten im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe für den Alltag des Lebens.
Die heilige Messe ist „Quelle und […] Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens“ (LG 11), so sagt es das Zweite Vatikanische Konzil. Deshalb soll sie – nach Möglichkeit – an jedem Sonntag von allen Katholiken mitgefeiert werden. In der heiligen Messe feiern wir Leben, Tod und Auferstehung Jesu Christi und bekennen ihn als unseren Herrn und Meister, als unseren Freund und Weggefährten. Wir lassen uns von ihm stärken durch sein Wort und das Brot des Lebens, das er selber ist. Im Gottesdienst werden wir auch mit der Gemeinschaft der ganzen weltweiten Kirche verbunden. Wir erfüllen, was Jesus uns beim Letzten Abendmahl aufgetragen hat: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ (Lk 22,19 und 1 Kor 11,24f.).
Die Eucharistiefeier am Sonntag ist unersetzbar! Wenn aber am Sonntag keine Eucharistie gefeiert werden kann, weil kein Priester vor Ort ist, dann soll eine Wort-Gottes-Feier gestaltet werden. Diese grundsätzliche Aussage haben wir im Bamberger Pastoralplan (vgl. S. 53-54) gemacht.
Aber nicht nur am Sonntag und den Feiertagen sind wir zum Gottesdienst eingeladen. Auch an den Werktagen, besonders in der Fasten- und Adventszeit, im Marienmonat Mai und Rosenkranzmonat Oktober, bei Jubiläen und traurigen Anlässen sollen wir Gottesdienste feiern. Sie kennen meinen Wunsch: Unsere 800 Kirchen und Kapellen im Erzbistum sollen „durchbetete Räume“ sein zur Ehre Gottes und zum Heil der Menschen.
Die Eucharistiefeier und alle anderen Gottesdienste helfen uns, auf Jesus zu blicken und ihn zu bekennen. Mit Jesus Christus bleiben wir frohe und dankbare Christen, einsatzbereit für das „Reich Gottes, … für Gerechtigkeit, Frieden und Freude“ (Röm 14,17).
Tätige Teilnahme am Gottesdienst
Gottesdienst wird dann lebendig, wenn sich die Priester, die Wort-Gottes-Beauftragten und die Gottesdienstteilnehmer alle Mühe geben, ihn würdevoll und ansprechend zu feiern. Dazu gehören passende Lieder, die liturgischen Riten, gute Predigten und Momente der Stille. Wenn die Gottesdienste mit Innerlichkeit und Hingabe gefeiert werden, erfüllen sie die Herzen der Teilnehmenden.
Das Zweite Vatikanische Konzil hat uns zur „tätigen Teilnahme“ aufgerufen. Das bedeutet zuerst: Jede und jeder soll mit ganzem Herzen, allen Sinnen und Verstand mitfeiern. Weiterhin bedeutet es, dass „die verschiedenen Rollen im Gottesdienst“ wahrgenommen werden. Die Ministrantinnen und Ministranten, die Organisten und Kantoren, bei feierlichen Anlässen Chöre und Orchester, Lektoren und Kommunionhelfer sind wesentlich für den Gottesdienst. Die Mesnerinnen und Mesner, die so segensreich im Hintergrund wirken, sind für den würdigen Ablauf der Eucharistiefeier von größter Bedeutung. Ich möchte allen danken, die sich für die würdige Feier der Liturgie einsetzen, und sie bitten, es auch weiterhin zu tun.
Neue gottesdienstliche Formen
Neue Formen des Gottesdienstes sind in den letzten Jahren entstanden und für uns wichtig, besonders für junge Menschen. Ich denke an „Nightfever“, „Atempausen“, „Musikvespern“ und das „Taizé-Gebet“. Dabei sollen die herkömmlichen Formen, die auch heute vielen Christen – auch Jugendlichen und jungen Erwachsenen – etwas geben, nicht vernachlässigt werden, zum Beispiel das Rosenkranzgebet, die Andachten und vor allem die Wallfahrten. Die Gottesdienste in den Kirchen und Kapellen werden durch das persönliche Gebet zu Hause vorbereitet und vertieft. Deshalb erinnere ich daran und lade dazu ein, die Morgen- und Abendgebete sowie die Tischgebete zu den Mahlzeiten und die Gebete in den Familien, in den Schulen, bei Sitzungen und Zusammenkünften zu pflegen. Auch das Stundengebet, das Lesen der Heiligen Schrift und die Betrachtung des Wortes Gottes sind Begegnungsmöglichkeiten mit Jesus Christus. Einzeln und gemeinsam sollen wir ‚auf Jesus blicken, auf ihn, den Urheber und Vollender unseres Glaubens‘.
Über Gebet und Gottesdienste sprechen
Noch einmal möchte ich an den Dialogprozess in Deutschland erinnern. Er hat seinen Sinn darin, dass wir miteinander darüber sprechen, was in unserer Kirche wichtig ist. Was zu unserem Glauben und kirchlichen Leben gehört, soll neu lebendig und gestärkt werden. Die Gottesdienste gehören ohne Zweifel dazu! Reden Sie in den Familien und den Vereinen, in den Jugendgruppen und Seniorenkreisen, im Pfarrgemeinderat und Diözesanrat über das Beten und die Gottesdienste. Vielleicht können Sie die Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils lesen oder die Einführungen zur Liturgie in unserem Gotteslob (Nr. 41-102). Im Gespräch darüber können wir uns gegenseitig zu Gebet und Gottesdienst ermuntern. So helfen wir uns, auf Jesus zu blicken und engagierte Zeugen seines Reiches zu werden.
Wer an IHN glaubt, ist nie allein!
Ich wünsche Ihnen und Euch eine gesegnete österliche Bußzeit, in der Sie öfter und vertieft auf Jesus Christus blicken und ihn als den Herrn bekennen. Dazu segne Sie und Euch der dreifaltige Gott, + der Vater und + der Sohn und + der Heilige Geist.
Ihr
Dr. Ludwig Schick
Erzbischof von Bamberg