Gedanken von Erzbischof Dr. Ludwig Schick zum Paulusjahr
"Prototyp des Missionars"
Am 28. Juni begann das Paulusjahr. Nachdem ich zum Osterfest die Botschaft der Auferweckung und der Spiritualität des neuen Lebens mit Christus und zu Pfingsten die Aussagen über den Heiligen Geist in den Paulusbriefen betrachtet habe, möchte ich heute Paulus als Missionar vorstellen. Dabei lade ich erneut dazu ein, das Paulusjahr ‚mitzuleben’. Es kann uns viele Impulse für unseren Glauben und unsere Kirche geben.
Paulus – Prototyp des Missionars
Paulus ist für uns in der Kirche der Prototyp des Missionars. Prototyp bedeutet: Urbild und Form. Nach einem „Urbild“ sind die anderen Bilder gemalt. Sie sind dem Urbild verpflichtet, malen das gleiche Thema und sind dennoch Originale, nicht Kopien, wie sie heute durch Fotografie und Kopiermaschine hergestellt werden können. Ich denke dabei zum Beispiel an die Jesusbilder in der frühen Ikonenmalerei. Sie malen das Antlitz Jesu in gleicher Weise und doch immer neu und original.
„Form“ bedeutet, dass nach einer Form gebaut, gegossen oder modelliert wird, z. B. die Kathedralen der Romanik und Gotik. Sie sind alle verschieden und doch Ausdruck einer architektonischen Form.
So ist Paulus Prototyp des Missionars in der Kirche. Er ist das ‚Urbild’; an ihm kann jedermann ablesen, was einen Missionar ausmacht. An ihm soll jeder Maß nehmen und sich ‚formen’ lassen, um aktives Glied einer missionarischen Kirche zu sein. An Paulus können wir lernen, wie man Missionar wird und was „Missionarisch Kirche sein“ bedeutet, wie der Titel eines Rundschreibens der deutschen Bischöfe lautet.
Mission und Evangelisation - zwei Seiten einer Medaille
Zwischen Mission und Evangelisation ist immer wieder einmal ein Gegensatz konstruiert worden. Das ist nicht berechtigt. Wir können Mission als die Form und Evangelisation als den Inhalt verstehen. Mission ist Berufung und Sendung. Von Paulus sagt unmittelbar nach seiner Bekehrung vor Damaskus eine göttliche Vision: „Dieser Mann ist mein auserwähltes Werkzeug: Er soll meinen Namen vor Völker und Könige und die Söhne Israels tragen“ (Apg 9,15). In allen seinen Briefen betont Paulus, dass er durch Jesus Christus „Gnade und Apostelamt empfangen (hat), um in seinem Namen alle Heiden zum Gehorsam des Glaubens zu führen“ (Röm 1,5).
„Evangelisation“ ist der Inhalt der Sendung, das, was die Menschen empfangen. Es sind der Glaube an den guten Vatergott, der dem Leben Boden unter die Füße gibt, die Hoffnung, die Flügel schenkt und die Liebe, die das Lebenselixier ist (vgl. 1 Kor 13,13). Es sind die Frohe Botschaft Jesu, die Bergpredigt, die Verheißungen des Evangeliums, die das Leben in Fülle schenken, letztlich „die Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, die alles übersteigt“ (Phil 3,8).
Freude am Glauben – wichtigste Voraussetzung für Evangelisation
Es gibt keinen Brief des Apostels (der Galaterbrief bildet eine gewisse Ausnahme), der nicht mit Dank und Lobpreis beginnt und ebenso endet. Paulus dankt vor allem für die Gnade des Glaubens, die er selbst und die die Gemeinden, die er gegründet hat oder besuchen will, empfangen haben. Er ist überzeugt, dass es nichts Größeres zu schenken und zu empfangen gibt als das Evangelium. Deshalb betrachtet er es als Ehre, als heilige und frohmachende Pflicht oder auch als „heiligen Zwang“ (1 Kor 9,16), hinauszugehen bis an die Enden der Erde und diesen Glauben allen Menschen zu verkünden. Dabei zeigt Paulus auch seine große Menschenliebe. Diese Liebe, die Teilhabe an der Liebe Christi ist, drängt ihn zu verkünden, dass einer für alle gestorben ist, damit auch die Lebenden nicht mehr für sich leben, sondern für den, der für sie starb und auferweckt wurde (vgl. 2 Kor 5,14). Alle sollen eine „neue Schöpfung“ werden (vgl. 2 Kor 5,17). Menschenliebe in der Liebe Christi bedeutet Achtung und Ehrfurcht vor jedem Menschen. Jeder Mensch soll heil werden und gerettet sein. Das geschieht durch den Glauben an Jesus Christus, den Herrn. Die Zustimmung zum Glauben muss jeder Mensch ganz freiwillig geben. Deshalb kann Paulus nur bitten an Christi Statt: „Lasst euch mit Gott versöhnen!“ (2 Kor 5,20).
Wenn wir Mission und Evangelisation beleben wollen, dann muss zunächst und zuerst die Freude am Glauben bei uns selber vorhanden sein und verstärkt werden. Ebenso sollen wir neu empfinden, dass es eine große Ehre ist, an der Ausbreitung des Glaubens und der Evangelisation teilnehmen zu dürfen.
Grundsätzlich ist jeder Christ zum Missionar berufen. Die Taufe bedeutet Berufung zur Evangelisation. Durch die Taufe ist jeder mit dem Glauben beschenkt und jeder Getaufte ist gesandt, den Glauben weiterzutragen. Je mehr man in diesen Dienst indirekt und direkt einbezogen ist, desto größer muss die Freude werden; bei den Bischöfen, Priestern, Ordensleuten am größten! Grundsätzlich soll sie aber bei allen Christen vorhanden sein.
Evangelisation – Entwicklung der Menschen und der Völker
Mission und Evangelisation beziehen sich auf die Menschen und die Völker. Das Reich Gottes ist Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist, so schreibt Paulus an die Römer (vgl. Röm 14,17). Dieses Reich soll allen Menschen gebracht werden. Evangelisation will die einzelnen Menschen nach dem Bild und Gleichnis Jesu Christi formen und sie will die Welt gestalten zu einer gerechten, friedlichen, freien und solidarischen Welt. Dabei ist auch die Schöpfung, die Wohnstätte der Menschen und der Völker zu beachten; sie muss behütet und bewahrt werden. Für die Menschen soll „die Schöpfung ... von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes“ (Röm 8,21). Klimaschutz und Bewahrung der Schöpfung gehören zur Evangelisation dazu.
Mission und Dialog mit Anders- und Nichtgläubigen
Wir Christen sind uns bewusst, dass wir nur mit Christus, in ihm und durch ihn unseren Beitrag zur Gestaltung der Welt leisten können. Trotz dieses unseres Selbstbewusstseins können und wollen wir mit den anderen Religionen und Weltanschauungen in den Dialog treten. Auch in ihnen sind Wahrheit und Liebe sowie Verantwortung für die Menschen, die Völker und die Schöpfung vorhanden. Zur Mission gehört deshalb immer auch ‚der Dialog mit den anderen’. Die „Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen“ des Zweiten Vatikanischen Konzils schreibt dazu: „Deshalb mahnt sie ihre Söhne, dass sie mit Klugheit und Liebe, durch Gespräch und Zusammenarbeit mit den Bekennern anderer Religionen sowie durch ihr Zeugnis des christlichen Glaubens und Lebens jene geistlichen und sittlichen Güter und auch die sozial-kulturellen Werte, die sich bei ihnen finden, anerkennen, wahren und fördern“ (Nostra aetate Nr. 2). Wie Paulus den interreligiösen Dialog gepflegt hat, ist im 17. Kapitel der Apostelgeschichte überliefert.
Mission nach außen und innen – Selbstvergewisserung und Selbstheilung
Zur Mission und Evangelisation gehören immer ständige Selbstvergewisserung und die Selbstheiligung dazu. Paulus lässt keinen Zweifel daran! Missio ad extra und missio ad intra – Mission nach außen und nach innen - sind voneinander abhängig. Missio ad extra erfordert die ständige Missio ad intra, das heißt, die Selbstvergewisserung unseres Glaubens und Hoffens, unserer Sendung als Getaufte und als Kirche. Sie geschieht durch Lesen der Bibel, durch Fortbildung im Glauben und durch das Mitwirken in der Kirche.
Paulus wird nicht müde, die Christen zur Heiligung aufzufordern, damit sie authentische Zeugen werden, die für ihre Mitmenschen attraktiv sind und die nach dem Grund ihrer Hoffnung, ihrer Liebe und ihres heiligen Lebens gefragt werden. Im 1. Thessalonicherbrief schreibt er: „Das ist es, was Gott will: eure Heiligung“ (1 Thess 4,3). Im 2. Korintherbrief mahnt er „... streben wir in Gottesfurcht nach vollkommener Heiligung“ (2 Kor 7,1).
Mission – Gebets-, Lern- und Solidargemeinschaft
Bei aller Mission und Evangelisation wissen wir und müssen es uns immer wieder bewusst machen, dass das Reich Gottes letztlich nur durch Gott selbst kommt. Deshalb ist das Gebet so wichtig für die Mission und Evangelisation. Der Geist Gottes weht, wo er will! Wer missionieren will, der muss in den anderen Menschen, Völkern und Kulturen den Geist Gottes wahrnehmen, der immer schon vor dem ‚ersten Missionar’ da ist und der aus sich heraus wirkt.
Mission ist auch keine Einbahnstraße, sondern Austausch der Gaben, so wie es Paulus den Römern schreibt: Ich sehne mich danach, euch zu sehen; ich möchte euch geistliche Gaben vermitteln, damit ihr dadurch gestärkt werdet, oder besser: damit wir, wenn ich bei euch bin, miteinander Zuspruch empfangen durch euren und meinen Glauben“ (vgl. Röm 1,11f). Deshalb hat die Deutsche Bischofskonferenz im Missionsdokument „Allen Völkern Sein Heil“ diese drei Punkte von Mission und Evangelisation erneut ins Bewusstsein gebracht. Mission und Evangelisation sind und fördern:
- Gebetsgemeinschaft,
- Lerngemeinschaft und
- Solidargemeinschaft.
Evangelisation und Kreuz
Zu Mission und Evangelisation gehört auch das Leiden dazu. Nur wenn man sich die Mission und Evangelisation etwas kosten lässt, wenn man sich schindet, sich selbstlos für die Menschen, ihre Entwicklung, die Eine Welt und das Reich Gottes einsetzt, mit all seinen Kräften und der Bereitschaft, selbst das Leben dafür hinzugeben, wird Mission glaubwürdig und Evangelisation erfolgreich. Besonders im 2. Korintherbrief schreibt Paulus davon (vgl. 2 Kor 6,1-10 und 11,16-33). Beim Werk der Evangelisation kann man sicher auch öfters entmutigt werden. Die Fülle der Aufgaben, die unterschiedlichsten Verhältnisse, genauso wie die bange Frage, ob es überhaupt ein Vorankommen gibt, können entmutigen. Mission muss mit „Martyrium / Zeugnis geben“, in Einsatz und Liebe und mit der Bereitschaft, auch dafür zu sterben, verbunden sein. Nur so sind die Missionare dem Herrn gleichförmig.
Paulus gewinnt Mitarbeiter
Paulus weiß, dass ohne Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das Missionswerk nicht gelingen kann. In jeder Gemeinde sucht er Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die ihn unterstützen, mit ihm auf die Missionsreisen gehen und ‚das Werk Gottes’ in den neu gegründeten Gemeinden weiterführen, wenn er zur nächsten Station weiterzieht. Besonders im 16. Kapitel des Römerbriefes und im 16. Kapitel des 1. Korintherbriefes nennt er seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit ihrem Namen. Er lobt sie, empfiehlt sie und unterstützt ihre Tätigkeit. Er schreibt ihnen auch Briefe, dankt ihnen und ermutigt sie. Die Mühen und der Einsatz für die Mitarbeiterinnen und die Mitarbeiter sind auch heute wichtige missionarische Arbeit. Dabei hat Paulus auch Enttäuschungen erfahren. Er wurde verraten, hintergangen und verlassen. Das lässt ihn aber nicht resignieren. Er beginnt immer wieder neu, Mitarbeiter zu suchen und zu schulen. Ohne Mitarbeiter geht es nicht. Ich-AG und Monopolisten sind keine guten Missionare und bleiben erfolglos. Auch das ist Erbe und Ratschlag des Völkerapostels an uns.
Evangelisation – Werk der Hoffnung
Letztlich ist Evangelisation ein Werk der Hoffnung, einer Hoffnung, die nicht zugrunde gehen lässt (vgl. Röm 5,5). Wir dürfen hoffen, dass Gott vollendet, was er in Jesus Christus begonnen hat, dass Sein Reich kommt. Dabei dürfen wir mitwirken!"