Fastenhirtenbrief 2014

„Leben und herrschen durch den einen, Jesus Christus“ (Röm 5,17)
Liebe Schwestern und Brüder!
Am Aschermittwoch hat die Fastenzeit 2014 begonnen. Ich möchte sie im Erzbistum Bamberg unter Worte aus dem Römerbrief stellen, die Sie heute in der zweiten Lesung hörten: „… leben und herrschen durch den einen, Jesus Christus“ (Röm 5,17). Bedenken Sie den Vers: „Alle, denen die Gnade und die Gabe der Gerechtigkeit reichlich zuteil wurde, (werden) leben und herrschen durch den einen, Jesus Christus“; das drückt sowohl eine Verheißung als auch eine Aufgabe aus. Uns Christen, ist die Gnade, das heißt die gütige Zuwendung Gottes, und die Gerechtigkeit, das heißt die Vergebung unserer Sünden, zuteilgeworden. Leben, Tod und Auferstehung Jesu Christi haben uns diese geschenkt. Durch Jesus Christus, den einen, leben und herrschen wir; er ist der „Gott für uns“. Diese Verheißung ist das Wichtigste, was uns die Fastenzeit 2014 erneut bewusst machen will, und auch die erste Aufgabe der österlichen Bußzeit.
„… leben und herrschen durch den einen, Jesus Christus“. Damit stimmt auch der Wahlspruch unseres zukünftigen Weihbischofs Herwig Gössl überein. Wir dürfen ihn am nächsten Samstag durch die Bischofsweihe in den Dienst einführen. Mit der ganzen Erzdiözese bin ich sehr froh über seine Ernennung. Dank sei Gott, der beruft und sendet, Dank dem Heiligen Vater, der als Stellvertreter Christi Herwig Gössl zu unserem künftigen Weihbischof bestimmt hat! Es ist die erste Bischofsweihe in unserem Dom seit 27 Jahren. Ich lade Sie alle dazu ein und freue mich auf Ihr Kommen. Herwig Gössl hat als Wahlspruch für seinen bischöflichen Dienst den uns allen bekannten Ruf aus dem Schlussteil des Glorias gewählt: „Tu solus Dominus – Du allein (bist) der Herr.“ Jesus Christus allein soll Herr unseres Lebens als Christen und der Kirche sein, damit wir „leben und herrschen (allein) durch den einen, Jesus Christus“.
Die wunderbare Verheißung, zu „leben und (zu) herrschen durch den einen, Jesus Christus“, ist auch Aufgabe. Die Fastenzeit lädt dazu ein, uns nicht von der „ängstlichen Sorge“ um das Brot für den Leib, um die Ehre und das Ansehen bei den Menschen sowie um die Macht über die Welt bestimmen zu lassen, wie wir heute im Evangelium hörten. Jesus will unser Herr und Bruder sein. Mit ihm sollen wir Gott die Ehre geben und dem Vater im Himmel vertrauen.
Und warum will Jesus Christus der eine und einzige sein, durch den wir leben und herrschen? - „Damit wir das Leben haben und es in Fülle haben“ (vgl. Joh 10,10).
Was bedeutet, mit ihm zu leben und zu herrschen? Leben mit ihm meint, das Reich Gottes der Gerechtigkeit, des Friedens und der Freude (vgl. Röm 14,17) zu verkünden und den Mitmenschen mit Freundlichkeit, Güte und Barmherzigkeit zu begegnen. Herrschen fordert, dass wir über unsere Versuchungen zum Bösen und zur Sünde Herr werden, dass wir unseren Egoismus, unsere Abhängigkeit von Menschen und Gütern, unsere Triebe und Emotionen beherrschen, damit wir frei werden, um uns an Jesus Christus zu binden. Mit ihm finden wir das Leben in Fülle.
Die Fastenzeit ist ein Angebot, sich intensiver auf Jesus Christus einzulassen, damit wir leben und herrschen durch ihn.
Wie geschieht das? Wie können wir die Fastenzeit gestalten? Zur Fastenzeit gehört der „Verzicht auf etwas“ und das „Tun von etwas“! „40 Tage ohne und 40 Tage mit“, soll unser Fastenmotto werden; beides gehört zusammen. 40 Tage ohne! 40 Tage ohne Alkohol und Nikotin: Dadurch wird der Kopf freier, Leib und Geist unabhängiger; wir herrschen mehr über uns selbst. 40 Tage ohne Süßigkeiten: Das tut Körper und Geist gut. Sich in 40 Tagen öfter vegetarisch ernähren und bewusster essen: Das reinigt den Leib. 40 Tage ohne bestimmte Internetportale zu öffnen, verführerische Fernsehsendungen und Videos anzuschauen. Für die eine oder den anderen kann auch 40 Tage ohne Shopping eine heilsame Erfahrung sein, die uns lehrt, unsere Konsumabhängigkeit zu beherrschen. 40 Tage ohne jede Lüge und ohne Unwahrheiten, ohne schlechte Reden über andere und ohne Mobbing, verbessert unser Miteinander.
Und 40 Tage mit! Ich habe das Jahr 2014 in unserer Erzdiözese zum „Jahr der Glaubenspraxis“ ausgerufen. Damit ist nichts Außergewöhnliches gemeint, sondern der Aufruf, das ‚gewöhnlich Katholische‘ wieder zu tun. 40 Tage mit den täglichen Gebeten, morgens und abends, vor und nach den Mahlzeiten und dem „Engel des Herrn“. 40 Tage mindestens einmal, besser öfter, beten: „Jesus, dir leb ich! Jesus, dir sterb ich! Jesus, dein bin ich im Leben und im Tod!“, oder einfach „Gelobt sei Jesus Christus!“ Das sind Stoßgebete, die uns mit Jesus im Alltag leben lassen. Während der 40 Tage jeden Sonntag die heilige Messe mitfeiern.
Schön wäre es auch, wenn viele ihren Gebetsschatz in dieser Fastenzeit erweitern und z. B. das „Gloria“ – das „Ehre sei Gott in der Höhe“ –, oder das Große Glaubensbekenntnis, oder die Zehn Gebote auswendig lernen würden. „Fortgeschrittene“ könnten auch den einen oder anderen Psalm auswendig lernen, z. B. Psalm 23, „Der Herr ist mein Hirte“, oder einen Hymnus aus dem Neuen Testament, z. B. den Hymnus aus dem Philipperbrief, „Jesus Christus war wie Gott …“ (vgl. Phil 2,6-11). Diese Texte und Gebete sowie viele weitere finden Sie im alten und auch im neuen Gotteslob! Eine andere gute Idee ist, an den „Ökumenischen Alltagsexerzitien“ teilzunehmen.
Zur Fastenzeit soll auch der Empfang des Bußsakramentes gehören: am besten am Anfang und am Ende. Das Bußsakrament hilft zu „leben und (zu) herrschen durch den einen, Jesus Christus“.
Liebe Schwestern und Brüder!
Jesus Christus lädt uns ein, mit ihm zu leben und zu herrschen, damit wir das Leben haben und es in Fülle haben. In der österlichen Bußzeit können wir jeden Tag einem Menschen eine Freude machen. 40 Tage vom Ersparten etwas für die Armen geben, z. B. für das Hilfswerk Misereor.
Papst Franziskus schreibt in seiner diesjährigen Fastenbotschaft: „Ich misstraue dem Almosen, das nichts kostet und nicht schmerzt“. Unser „40 Tage ohne und 40 Tage mit“ darf uns etwas kosten und auch schmerzen. Wir wissen ja wofür: Damit wir tiefer mit Jesus verbunden werden, damit wir „leben und herrschen durch den einen, Jesus Christus“.
Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Fastenzeit, die das Osterfest gut vorbereitet. Es grüßt und segnet Sie im Namen + des Vaters, + des Sohnes und + des Heiligen Geistes
Ihr Erzbischof
Dr. Ludwig Schick, Erzbischof von Bamberg