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Fastenhirtenbrief 2006

ERZBISCHOF--SCHICK
Datum:
Veröffentlicht: 22.3.06
Von:
Erzbischof Dr. Ludwig Schick

unseres Erzbischofs Dr. Ludwig Schick

Der Text von Erzbischof Dr. Ludwig Schick im Wortlaut und zum Download

Liebe Schwestern und Brüder!

1. „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ (Mk 8,29). So heißt es an zentraler Stelle im Matthäus-, Markus- und Lukasevangelium. Warum? Die Evangelisten, vom Heiligen Geist inspiriert, wollten der Kirche diese Frage Jesu mit auf den Weg durch die Geschichte geben. Die Christen sollten sich i h r immer wieder neu stellen und s i e wie Simon Petrus beantworten: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes“ (Mt 16,16). Das Evangelium hat uns gerade verkündet: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15) Die vor uns liegende österliche Bußzeit möchte uns näher zu Jesus führen, sie will uns erneut die Ohren für die Frohe Botschaft öffnen und uns die Freude des Reiches Gottes schenken. Dazu müssen wir uns der Frage Jesu an seine Jünger stellen: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ Sie ist die entscheidende Frage für unser Christsein und für unsere Kirche.

2. Es scheint derzeit auch sehr nötig und angebracht, diese Frage neu zu stellen. „Wo bleibt Jesus?“, so titelte der Leitartikel einer christlichen Monatszeitschrift (Herder Korrespondenz) in ihrer letzten Ausgabe des vergangenen Jahres. Der Verfasser wies darauf hin, dass es zwar einen religiösen Aufbruch gebe, dass Jesus dabei aber nur wenig vorkomme. Fast zur gleichen Zeit schrieben Tageszeitungen: „Jüngere Deutsche lesen kaum noch in der Bibel“. Eine Umfrage des Allensbacher Instituts hat ergeben, dass 62 Prozent der jungen Menschen bei uns nie, 25 Prozent eher selten und nur 4 Prozent regelmäßig in der Bibel lesen. Bei der derzeitigen Renaissance der Religion geht es tatsächlich sehr oft ganz allgemein um die Sehnsucht nach Transzendenz und um Hilfen zur Bewältigung des Lebens. In den 60er und 70er Jahren lautete ein weitverbreiteter Slogan „Jesus ja - Kirche nein“; heute scheint eher zu gelten „Religion ist in - Jesus ist out“.

3. „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ Christsein beginnt immer mit der Entdeckung Jesu und bedeutet: Jesus Christus nachfolgen, leben wie ER, Freundschaft mit IHM. Das lehrt uns auch das Leben aller Heiligen. Auf einige möchte ich beispielhaft hinweisen. Augustinus hörte im Garten in Mailand die Stimme eines Kindes, die ihm zurief: „Nimm und lies“. Gemeint war die Bibel. Augustinus schlug sie auf und las eine Stelle aus dem Römerbrief, deren zentraler Satz lautet: „Ziehet den Herrn Jesus Christus an“ (vgl. Röm 13,14). Seitdem kreiste sein Denken, Reden und Schreiben ganz um Jesus Christus. In ihm fand Augustinus die Wahrheit, den Frieden und das Glück seines Lebens. Etwa 700 Jahre später bekehrt sich Franziskus vom egozentrischen Weltmenschen zum frohen Bruder aller Geschöpfe, indem er Jesus Christus und seine Frohe Botschaft entdeckte. Durch das Hören und Lesen des Evangeliums glich er sich Jesus so an, dass er von seinen Zeitgenossen als „alter Christus“, als anderer Christus bezeichnet wurde. Auch die große Teresa von Avila erlebte ihre Bekehrung, als sie erkannte, dass Jesus ihr Freund ist. Ihr Beten war seitdem wie das „Verweilen bei einem Freund“. So schreibt sie selbst in ihrer Autobiographie. Das Gleiche gilt für Mutter Teresa von Kalkutta. Sie fand und liebte Jesus in den Armen, und wie Jesus wollte sie den Kranken, Sterbenden, Ausgesetzten und Verlassenen dienen.

4. Christsein ohne Jesus und ohne das Evangelium gibt es nicht! „Durch ihn und mit ihm und in ihm“ sind wir Christen. Letztlich ist der Christ eingeladen, in Freundschaft mit Jesus Christus zu leben. Aber wie kommen wir heute mit Jesus in eine persönliche Beziehung? Wie können wir in unserer Zeit Freundschaft mit Jesus schließen? Der bekannte Professor für die Auslegung des Neuen Testamentes, Rudolf Schnackenburg (gestorben 2002), hat am Ende seines Lebens ein Büchlein geschrieben mit dem Titel „Freundschaft mit Jesus“. In ihm wirft er die Frage auf: Kann man auch heute Jesus zum Freund haben? Dazu schreibt er: „Es erscheint schwierig, wenn man den Abstand über Jahrhunderte, das Fernsein von dem, der nicht mehr körperlich unter uns weilt, die Fremdheit seiner oft herben, ja harten Worte bedenkt ... (Freundschaft) setzt doch voraus, dass man die Menschen vor sich sieht, den vertrauten Klang ihrer Stimmen hört, ihre Gesichtszüge wahrnehmen kann, ihre Worte in sich eindringen lässt. Jesus ist uns unmittelbar als Mensch in leibhafter Gegenwart nicht mehr erreichbar, ist uns für unser Empfinden in die Ferne gerückt, fremd geworden.“ Doch dann fährt er fort: „Und doch kann Jesus mein Freund sein. Er selbst sagt es seinen Jüngern: ‚Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe’ (Joh 15,15). Seinen Freunden erschließt sich Jesus ... Er gibt ihnen das, was er und nur er ihnen geben kann: die erhellenden, beglückenden und befreienden Worte von Gott, seinem Vater, die auch unser menschliches Sein und Leben erhellen können ... Die Freundschaft, die Jesus schenkt, geht von ihm selbst aus ... Es ist eine Freundschaft, die jeden Abstand vom geschichtlichen Jesus, alle Abgründe der Ferne und Fremde überwindet. Jesus ist gegenwärtig mein Freund, den ich hören kann, wenn ich auf sein Wort achte.“ So Rudolf Schnackenburg!

5. „Wenn ich auf sein Wort achte“! Die erste und wichtigste Brücke zu Jesus ist das Hören und Lesen des Evangeliums. Nehmen Sie sich doch in dieser Fastenzeit einmal das Markusevangelium vor, das in diesem Jahr an den Sonntagen gelesen wird! Es ist das Kürzeste der vier Evangelien und kann in gut zwei Stunden durchgelesen werden. Lesen Sie es einmal ganz von Anfang bis Ende. Aber dann lesen Sie es noch einmal Abschnitt für Abschnitt, jeden Tag ein paar Verse. Lesen Sie die Texte hörend und fragen Sie sich dabei: „Jesus, was willst du mir mit diesem Text sagen? Wer bist du für mich und die Menschen? Was soll ich tun, wie mich verhalten? Wie soll ich mit dir vor Gott, deinem und meinem Vater, leben? Wie soll ich den Menschen begegnen und ihnen dienen?“

6. Das Hören und Lesen des Evangeliums soll in ein Gespräch mit Jesus führen. Der heilige Ignatius von Loyola weist darauf hin, dass der Christ über das, was er gelesen hat, „mit Jesus wie mit einem Freund Zwiesprache“ halten soll. Wie das Gespräch mit den Mitmenschen nicht von selbst gelingt, muss auch das Zwiegespräch mit Jesus eingeübt werden. Es braucht Ruhe, den richtigen Raum und ungestörte Zeit. Gönnen Sie sich jeden Tag dieses hörende Lesen und liebevolle Gespräch mit dem Herrn! Wenn Sie sich eingeübt haben, werden Sie spüren, wie wohltuend diese Art des Betens ist.

7. Liebe Schwestern und Brüder! „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ Ich bitte Sie von ganzem Herzen, sich dieser Frage zu stellen und in den Tagen der Fastenzeit eine ganz persönliche Antwort zu geben. Gott ist in Jesus Christus Mensch geworden. Die Evangelien stellen uns Jesus deutlich vor Augen (vgl. Gal 3,1). ER ist im Heiligen Geist lebendig unter uns. Wir können mit ihm sprechen, ihn verstehen, ihm nachfolgen und seine Freunde und Freundinnen sein.

8. Wie Jesus sollen auch seine Freunde - Frauen und Männer, Jung und Alt - ihren Mitmenschen in Freundlichkeit, mit Verständnis, Barmherzigkeit und Liebe begegnen. Die Freunde Jesu sind besonders den Notleidenden, Kranken, Alten und Hilfsbedürftigen hilfreiche Freunde. Die Freundschaft mit Jesus wird so zur Freundschaft mit den Mitmenschen.

9. Liebe Mitchristen! Es ist mein Herzensanliegen, dass möglichst viele Menschen im Erzbistum Bamberg, vor allem Jugendliche und Kinder, die Jesus besonders ins Herz geschlossen hat, bekennen können: Ich lese täglich im Evangelium. Wie schön wäre es auch, wenn bei uns die Frage überflüssig würde: „Wo bleibt Jesus?“, weil ER, der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes, in unseren Herzen und Köpfen Bleibe hat und man das auch in unserem Leben spürt.

Ich wünsche Ihnen allen eine gesegnete Fastenzeit, in der Jesus Christus und sein Evangelium Mitte und Angelpunkt sind, in der wir uns zu IHM bekehren, in der die Freundschaft mit IHM und untereinander wächst.

Dazu segne Sie der allmächtige und gute Gott, der + Vater, der + Sohn und der + Heilige Geist.