Erntedank

Kaplan Martin Varghese schreibt über das Fest in Indien und bei uns.
Am ersten Sonntag im Oktober feiern wir traditionsgemäß ein freudiges Fest: das Erntedankfest.
Das bedeutet weit mehr, als ein Körbchen mit Obst und Gemüse vor den Altar zu stellen. Es bedeutet, sich ins Bewusstsein zu rufen, was wir alles in diesem Jahr an Segensreichem empfangen durften – und wer es uns geschenkt hat: unser liebender Gott, dem seine Schöpfung am Herzen liegt.
In allen Religionen der Welt kennt man ein Erntedankfest. In Indien – besonders in der Provinz Kerala, aus der ich stamme – ist es das Onam-Fest, das sogar mehrere Tage dauert. Ursprünglich war es nur ein Fest, um für die Ernte zu danken, im Laufe der Jahrhunderte kam als Grund für die Feier noch eine fromme Legende aus ganz alten Zeiten hinzu. Diese Legende erzählt vom König Mahabali, der für seine unfehlbare Großzügigkeit und Güte bekannt war und unter dessen Herrschaft Kerala florierte. Onam ist ein sehr wichtiges Fest in Kerala und der Erinnerung an König Mahabali gewidmet.
Das wirklich Bedeutsame an Onam ist aber, dass die verschiedenen Religionen Indiens es zusammen begehen, Hindus, Moslems und Christen. Sie sind verbunden in Dankbarkeit – Dank an Gott, und in der Legende Dank einem treuen und fürsorgenden König – zwei Bilder, die sich wohl nicht im Wege stehen. – Ohne Glaubensstreit feiern Menschen jeglicher Hautfarbe, aus allen Kasten, Arme und Reiche, in Gemeinschaft die Ernte des Jahres. Sie wissen, dass sie ihnen geschenkt wurde. Es gibt ein Festmahl mit mehr als 25 vegetarischen Speisen. Der ganze Tag ist erfüllt mit Liedern, Tänzen und anderen Feierlichkeiten als Dank für das Leben und seine Reichtümer. Dies weckt bei den Menschen die Hoffnung auf eine gute und sichere Zukunft.
In den katholischen Pfarreien in Kerala feiern wir eigentlich an vielen Tagen des Jahres Erntedank. Immer, wenn etwas Neues gereift ist, bringen die Gemeindemitglieder einige besonders schöne Exemplare in den Gottesdienst mit, um dafür zu danken.
Auch wir wollen uns an Erntedank daran erinnern, wie reich uns Gott beschenkt. Wir machen uns bewusst, dass wir als Menschen nicht über der Schöpfung stehen, sondern Teil von ihr sind – und dass alles, was Gott geschaffen hat, die gleiche Würde besitzt und aus seiner Liebe entstand. Deshalb müssen gerade wir Christen besonderes Augenmerk darauf legen, dass unsere Welt nicht noch mehr verletzt und nicht mit Füßen getreten wird – und Welt bedeutet hier: wir Menschen, die Natur, ihre Schätze und Gaben. – Alles wurde aus Liebe gemacht – von unserem Gott. Wenn das kein Grund für Dankbarkeit ist?