Zum Inhalt springen

"Der Schatten über dem Vorderen Orient kann die ganze Welt verdunkeln"

Erzbischof Dr. Ludwig Schick Bamberg Porträt
Datum:
Veröffentlicht: 30.9.15
Von:
Homepage der Erzdiözese

Statement von Erzbischof Schick zur Flüchtlingskrise

Auf der Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda hat der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick vor den Medien ein Statement zur aktuellen Flüchtlingslage abgegeben. Dabei verwies er insbesondere auf die Notwendigkeit einer gemeinsamen internationalen Politik im Vorderen Orient sowie auf die Gefahr, dass das orientalische Christentum ausradiert werden könnte. 

"Weltweit sind – den Angaben der Weltflüchtlingsorganisation UNHCR zufolge – 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Dies ist die höchste Zahl von Flüchtlingen und Vertriebenen seit dem Zweiten Weltkrieg. Die meisten sind 
Binnenflüchtlinge, die im eigenen Land Unterschlupf suchen, aber auch die Zahl der Flüchtlinge, die sich auf den Weg in andere Länder machen, steigt. Es ist nicht in erster Linie die bloße Armut, die Menschen aus ihrer Heimat 
treibt. Meist sind es Gewalt und Unsicherheit, die den Ausschlag geben. Kriege und Bürgerkriege, zerfallende Staaten ohne Recht und Sicherheit und repressive Regierungen, die willkürlich mit der eigenen Bevölkerung verfahren, Missachtung der Menschenwürde und eklatante Verstöße gegen die Menschenrechte, sind die entscheidenden Fluchtursachen. Deshalb stehen Syrien und der Irak, Afghanistan, Eritrea, Somalia und der Südsudan ganz oben auf der Liste jener Länder, aus denen die meisten Flüchtlinge kommen.

Europa steht in der Pflicht

Es ist im Laufe dieses Pressegesprächs sehr deutlich geworden, dass Europa aus vielerlei Gründen in der Pflicht steht, Flüchtlinge aufzunehmen. Nicht weniger wichtig aber ist der Blick auf die Krisenregionen und auf die internationale Zusammenarbeit, die dazu beitragen kann, die Lage dort zu verändern. Dies betrifft – erstens – die Sorge für Flüchtlinge, die innerhalb ihrer Heimatländer verblieben sind oder in den Nachbarländern Schutz suchen. Inzwischen leben etwa 3,9 Millionen syrische Flüchtlinge in der Türkei, im Libanon, in Jordanien, aber auch im Irak und in Ägypten. Die Verhältnisse in den Flüchtlingscamps sind in der Regel katastrophal – ein bleibender Eindruck meiner Reisen in die Region. Die Menschen leben in zusammengezimmerten Hütten und in Zeltstädten, als vielköpfige Familien auf engstem Raum. Die hygienischen Bedingungen und die medizinische Versorgung sind meist unter den Mindeststandards. Regelmäßig verschärft sich die Lage in den Wintermonaten – und bald steht wieder ein Winter bevor. Unter solchen Verhältnissen leben die Menschen in diesen Lagern nun schon seit mehreren Jahren. Besserung ist nicht in Sicht. Man muss es deutlich sagen: Angesichts der Sorgen der Europäer vor einem zu starken Zustrom von Flüchtlingen ist es eine geradezu absurde Fehlleistung der Politik, dass die Flüchtlingshilfe für den Nahen Osten immer weiter abgesunken ist und UNHCR sich inzwischen nicht mehr in der Lage sieht, eine halbwegs angemessene Versorgung der Flüchtlinge sicherzustellen. Gott sei Dank nennt auch Bundesentwicklungsminister Müller diese Dinge klar beim Namen und ist bemüht gegenzusteuern. Wenn sich die Lage im Nahen Osten nicht bald bessert, werden auch viele dieser Binnenflüchtlinge die Reise nach Europa, vor allem Deutschland, antreten.

Unterstützung der Krisenregionen

Mit der Hilfe für die Flüchtlinge hier muss sich – zweitens – die Sorge um die Flüchtlinge in der Krisenregion verbinden. Vor allem der Libanon und Jordanien, kleine Länder, die mit der Aufnahme Hunderttausender von Flüchtlingen an Grenzen der Belastbarkeit gestoßen sind, brauchen dringend Unterstützung. Sonst steigt die Gefahr noch weiter, dass sie über kurz oder lang vom Chaos des Nahen Ostens aufgesogen werden.

Drittens: Aus der Gemengelage des Vorderen Orients wird es auf lange Frist kein Entrinnen geben, wenn die mächtigen Staaten der Region (allen voran: Saudi Arabien und der Iran) und die internationalen Mächte (USA, Europa und Russland) sich nicht auf eine einheitliche Linie verständigen. Die Eigeninteressen dieser Nationen verhindern bislang, dass ein Gebilde wie der „Islamische Staat“ entscheidend geschwächt wird. So aber wird die Zahl der Toten, der
Fliehenden und Entwurzelten weiter steigen.

Zukünftige gigantische Herausforderungen

Lassen Sie mich – viertens – auf die Notwendigkeit einer vorausschauenden kohärenten Politik hinweisen. Wenn die Bevölkerung Afrikas, wie jüngste Prognosen zeigen, im Laufe dieses Jahrhunderts von derzeit 1,2 auf 4,4 Milliarden ansteigen wird, so muss man kein Prophet sein, um die gigantischen Herausforderungen zu erkennen, die sich hinter dieser Zahl verbergen. Nur ein in politischer, wirtschaftlicher, sozialer und auch ökologischer Hinsicht stabiler Entwicklungskurs, der von den wohlhabenden Ländern der Erde mitgetragen und unterstützt wird, kann verhindern, dass sich immer wieder neu Flüchtlingstracks nach Europa auf den Weg machen. Man darf hoffen, dass die derzeitige UN-Konferenz über nachhaltige Entwicklungsziele und die Pariser Klimakonferenz im Dezember wichtige Impulse für eine wirklich nachhaltige internationale Entwicklung geben werden.

Die Kirche ist bemüht, ihren Teil zur Linderung der aktuellen Flüchtlingskatastrophen vor allem im Mittleren Osten zu leisten. Die Hilfswerke – besonders Caritas international, Misereor und die Malteser, aber auch Missio und das Kindermissionswerk – bringen in diesem Jahr mehr als 32 Millionen für diesen Zweck auf. Diese Summe dürfte sich in den nächsten Monaten noch erhöhen. Mit ihren Partnern vor Ort tragen unsere Werke dazu bei, dass Menschen auf der Flucht überleben und in den Flüchtlingscamps oder in schlichten Wohnungen menschenwürdige Verhältnisse vorfinden. Hier geht es um ganz elementare Aufgaben: dafür zu sorgen, dass Menschen Zugang zu sauberem Wasser und Medikamenten erhalten, dass sie genug zu essen haben, im Winter nicht frieren müssen und vielleicht sogar eine sinnvolle Beschäftigung finden. Für viele Opfer ist auch die Bearbeitung der Traumata unverzichtbar, wenn sie je wieder mit Hoffnung in die Zukunft blicken sollen.

Hilfe der Kirche

Die Kirche hilft allen. Aber wir wissen uns in besonderer Weise auch unseren christlichen Schwestern und Brüdern verbunden. In den mittelöstlichen Auseinandersetzungen droht das orientalische Christentum, dort ansässig seit 2000 Jahren, ausradiert zu werden. Weit fortgeschritten ist die Auslöschung der Kirchen im Irak. Was nach der Invasion 2003 begann, setzt sich unter dem Vertreibungsdruck des „Islamischen Staats“ fort. Sollte der IS weitere Gebiete in Syrien unter seine Kontrolle bringen, wird es auch dort für Christen keine Lebensmöglichkeiten mehr geben. Die katholische Kirche in Deutschland wird deshalb auch weiterhin alles unternehmen, um verfolgten Christen im Mittleren Osten zu helfen, und auch bemüht sein, die kirchlichen Strukturen in diesen Ländern zu stabilisieren. Dabei geht es um mehr als ein regionales Problem. Letztlich ist die Frage nach der Möglichkeit friedlicher Koexistenz von Muslimen und Christen aufgerufen. Man täusche sich nicht: Der Schatten, der über dem Vorderen Orient liegt, kann die ganze Welt verdunkeln."