„Dem Gottesdienst nichts vorziehen“

Wort an die Pfarrgemeinden des Erzbistums Bamberg zur Einführung des neuen Gotteslob
Liebe Schwestern und Brüder!
Heute wird das neue Gotteslob in unserer Erzdiözese Bamberg eingeführt. Von jetzt an soll aus ihm in den Gottesdiensten, auf Wallfahrten und zu Hause gebetet und gesungen werden. Mein sehnlichster Wunsch ist, dass mit der Einführung des neuen Gotteslob die „Freude am Gottesdienst“ zunimmt und verstärkt wird.
Bewusst führen wir das neue Gotteslob am Fest des heiligen Bischofs Otto ein, der zusammen mit dem heiligen Heinrich und der heiligen Kunigunde Patron unserer Erzdiözese ist. Er hat im 12. Jahrhundert eine Reform des christlichen und kirchlichen Lebens durchgeführt. Dabei war ihm die Erneuerung des Gottesdienstes besonders wichtig.
Der heilige Otto war vom Geist des heiligen Benedikt beseelt, der in seiner Regel die Weisung gibt: „Man soll also dem Gottesdienst nichts vorziehen“ (Kapitel 43,3). Der Gottesdienst ist das Herz des christlichen Lebens und die Seele der Kirche. Die Feier der Gottesdienste mehrt den Glauben, stärkt die Hoffnung und entzündet die Liebe, schenkt Trost und Kraft in schweren Stunden sowie Ruhe und Orientierung in der Vielfalt der Stimmen und Meinungen unserer Zeit. Der Gottesdienst lässt uns die Gemeinschaft mit Gott und untereinander erfahren. Als Erzdiözese Bamberg wissen wir uns dem heiligen Otto verpflichtet. Mit dem neuen Gotteslob wollen wir uns auf ihn und sein Erbe besinnen: Vor allem soll am Sonntag dem Gottesdienst nichts vorgezogen werden.
Wenn es keinen Sonntag gibt, gibt es nur noch Werktag. Das tut unserem Leben und unserer Gesellschaft nicht gut. Der Sonntag soll den Alltag unterbrechen, indem wir zur Ruhe kommen und Gemeinschaft mit den Mitmenschen pflegen. Vor allem aber soll der Sonntag uns regelmäßig neu mit Gott verbinden. Das geschieht im Sonntagsgottesdienst, in dem wir uns mit Leib und Seele zu Gott erheben, uns mit dem Sinn des Lebens befassen und Tod und Auferstehung Jesu Christi feiern. In der Liturgie hören wir das Wort Gottes und bedenken es, danken wir in Liedern und Gebeten unserem Schöpfer und Erhalter und tragen IHM die Anliegen von Kirche und Welt vor.
Der Besuch der heiligen Messe soll zum Sonntag gehören, wie das Amen zur Kirche. Wenn die Mitfeier der Eucharistie nicht möglich ist, sollten wir an einer Wort-Gottes-Feier teilnehmen oder eine Andacht halten.
Die Besucherzahlen beim Sonntagsgottesdienst gehen, wie in ganz Deutschland, auch in unserer Erzdiözese kontinuierlich zurück. Das muss kein unabänderliches Schicksal sein! Die Einführung des neuen Gotteslob soll uns an unsere Sonntagspflicht erinnern. Lasst uns wieder mehr aktiv und mit Freude am Sonntagsgottesdienst teilnehmen, damit wir in ihm erfahren: „Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes des Vaters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes ist mit uns“!
Das neue Gotteslob gibt auch viele Anregungen für Gottesdienste an den Werktagen, die ich Ihnen ebenfalls ans Herz legen möchte. In den Pfarr-, aber auch Filialkirchen und Kapellen soll auch werktags – nach Möglichkeit – die heilige Messe gefeiert, eine Wort-Gottes-Feier gehalten, die Tagzeitenliturgie, der Rosenkranz oder eine Andacht gebetet werden. Alle unsere Gotteshäuser sollen Orte des Glaubens und Vertrauens, des Trostes und der Stärkung sein; sie mögen als Hinweisschilder auf den „Gott unter uns“ und als Wirkstätten Jesu Christi an uns dienen; dazu müssen sie Räume des täglichen Gebetes und Gottesdienstes bleiben.
Das neue Gotteslob kann uns auch helfen, die Gottesdienste und die verschiedenen Feierformen tiefer zu verstehen. Es enthält gute Erklärungen zu den sieben Sakramenten, zu den Hausgebeten, zu den bei uns so beliebten Wallfahrten, zum ganzen kirchlichen Leben. Es kann uns helfen, unser Glaubenswissen zu erweitern. Wer mehr über die Gottesdienste und das Gebet der Kirche weiß, kann sie besser verstehen, wertschätzen und mitfeiern.
Das neue Gotteslob ist auch ein Hausbuch, ein Gebet- und Gesangbuch für daheim. Unser ganzes Leben soll zum Gottesdienst werden. Jeder Tag wird durch das Morgen- und Abendgebet gesegnet. Auch das Gebet vor und nach dem Essen soll wieder gepflegt werden. Durch die täglichen Gebete bekommt das Leben Sinn und Kraft.
Damit das Gotteslob in unseren Gemeinden heimisch wird und wir auch die neuen Lieder und Gebete lernen, bitte ich, im nächsten Jahr – auch bei Jugendgottesdiensten, Firmungen und besonderen Feiern – nur Gesänge und Gebete aus dem neuen Gotteslob zu nehmen. Das neue geistliche Liedgut ist in ihm reichlich enthalten.
Gottesdienst und Gebet sind Herz und Seele des christlichen und kirchlichen Lebens. Sie trennen nicht vom Alltag, sondern befähigen, immer mehr und überall in der Liebe zu Gott und zum Nächsten zu leben. Am Schluss jedes Gottesdienstes werden die Mitfeiernden gesegnet und gesendet, den Geist Jesu Christi in die Familien und an den Arbeitsplatz, in die Schulen und Universitäten, in die Politik und die Gesellschaft zu bringen. Gottesdienst muss Menschendienst werden, besonders an den Ärmsten!
Zurzeit kommen viele Flüchtlinge, besonders aus dem Irak und aus Syrien, zu uns. Ich bitte sehr darum, ihnen die Liebe Christi zu erweisen. Sie haben in ihren Heimatländern alles verloren, oft auch ihre Kinder oder Eltern, ihre Ehegatten und die nächsten Angehörigen; sie haben Ablehnung und Hass, Schrecken und Terror erlitten, mussten um ihr Leben bangen und flüchten. Nehmen wir sie freundlich auf, zeigen wir ihnen, dass sie willkommen sind, helfen wir ihnen zu leben, damit sie wieder Vertrauen und Zuversicht schöpfen. Beten wir mit ihnen und wirken wir für sie, damit Frieden in ihren Heimatländern wird und auch die Geflüchteten bald wieder zurückkehren können. Dabei denke ich auch an die Pfarrgemeinden, die bereits Flüchtlinge in Absprache mit den staatlichen Stellen aufgenommen haben. Vielen Dank ihnen für dieses Zeugnis christlicher Liebe!
Liebe Schwestern und Brüder!
Lasst uns das neue Gotteslob annehmen und nutzen! Es möge unseren Glauben an den guten Gott stärken, unsere Hoffnung lebendig halten sowie unsere Liebe zu Gott und zum Nächsten immer neu entzünden.
Dazu segne ich Sie und Euch im Namen des lebendigen Gottes + des Vaters, + des Sohnes und + des Heiligen Geistes. Amen.