Brieftaube zum 6. Sonntag der Osterzeit

Post für Kinder zu Hause, zum Vorlesen und Mitmachen
Liebe Kinder,
stellt euch vor, Anna, Max, Tim und Julia spielen am Nachmittag bei Tim. Da kommt Tims Mutter und stellt ihnen eine Waffel hin. Sie sagt: „Tut mir leid, wir haben leider nur noch diese eine. Aber ihr könnt sie ja teilen.“
Dann wäre es doch gerecht, wenn sie die Waffel in vier gleiche Teile teilen, oder? Damit jeder gleich viel bekommt. Gerecht ist doch immer, wenn alle gleich viel bekommen, oder das Gleiche dürfen, oder für die selbe Arbeit das Gleiche bekommen, oder wenn alle Regeln für alle gleich gelten. Ihr wisst schon was ich meine. Ich habe das zumindest immer gedacht. Aber seit gestern bin ich mir gar nicht mehr so sicher, was eigentlich wirklich gerecht ist. Und das kam so:
Ich bin Tagelöhner. Das heißt, ich habe keine feste Arbeitsstelle. Ich gehe einfach in der Früh auf den Markt und warte, bis jemand kommt der mich heute braucht. Für den arbeite ich dann einen Tag lang. Das hat einen großen Vorteil: mir wird nie langweilig! Mal arbeite ich als Fischer, mal helfe ich dem Bäcker Mehlsäcke zu schleppen und oft helfe ich Bauern bei der Feldarbeit.
Tagelöhner zu sein hat aber auch Nachteile: Ich verdiene normalerweise einen Silbergroschen am Tag. Das ist nicht viel. Davon werde ich satt, aber viel mehr auch nicht. Und es ist ziemlich unsicher: an manchen Tagen braucht mich niemand und dann verdiene ich auch nichts. Bei mir kommt das zum Glück nicht so oft vor, ich bin jung und kräftig. Aber der alten Philemon, zum Beispiel, der hat's im Rücken, der kann nicht mehr so schwer arbeiten. Der bekommt oft keine Arbeit und also auch keinen Lohn. Oder der Joram: der hat vier Kinder. Wenn der mal nichts verdient, ist das schon wirklich blöd.
Deswegen war ich gestern froh, dass ich nicht lange warten musste: gleich morgens kam Mattan, der Besitzer des großen Weinguts im Dorf. Er wollte, dass ich bei der Weinernte half. Dafür würde er mir einen Silbergroschen zahlen, wie üblich.
Ich ging mit ein paar anderen Tagelöhnern zusammen in seinen Weinberg. Dort legten wir los: pflückten die Weintrauben und füllten die Körbe. Anfangs war es schön so zu arbeiten, aber dann wurde es ziemlich anstrengend: Die Körbe wurden immer voller und schwerer und heiß wurde es auch. Mir tropfte der Schweiß richtig von der Stirn. Und der Weinberg war so groß, da war noch so viel zu tun!
Zum Glück ging Mattan, der Gutsherr, am Vormittag nochmal zum Markt und brachte noch mehr Tagelöhner mit. Ich winkte Joram nur kurz zu und arbeitete dann weiter.
Aber wir kamen immer noch nicht schnell genug voran: mittags, als die Sonne heiß vom Himmel brannte, ging Mattan nochmal Tagelöhner anwerben und nachmittags auch nochmal. Sogar am frühen Abend, als der Tag fast schon vorbei war, kam er nochmal mit Tagelöhnern aus dem Dorf zurück. Der alte Philemon war auch dabei.
Endlich waren wir fertig. Erschöpft setzte ich mich in den Schatten. Der Verwalter rief die Arbeiter, die zuletzt gekommen waren, um ihnen den Lohn auszuzahlen. Der alte Philemon strahlte: Einen ganzen Silbergroschen hatte er bekommen, obwohl er nur eine Stunde gearbeitet hatte!
Joram saß neben mir und freute sich: „Mensch, wenn der schon einen Silbergroschen bekommen hat, dann kriegen wir ja viel mehr! Wir waren ja viel länger hier!“ Aber als wir an die Reihe kamen, zahlte uns der Verwalter auch einen Silbergroschen aus. Joram schaute die Münze an und wurde sauer: „Was? Wie ungerecht! Wir haben den ganzen Tag in der Hitze geschuftet! Und bekommen genau so viel, wie die Arbeiter, die nur eine Stunde da waren! Das ist unfair!“ Mattan, der Gutsherr kam zu ihm 'rüber:
„Mein Lieber, ich tue dir kein Unrecht. Hatten wir uns nicht auf ein Silberstück geeinigt?Das hast du bekommen. Ich will nun einmal den letzten Arbeitern hier genauso viel geben wie dir! Ist es nicht meine Sache, was ich mit meinem Eigentum mache? Oder bist du neidisch, weil ich großzügig bin?“
Ich nahm mein Silberstück und ging nachdenklich nach Hause. Irgendwie fand ich es ja auch ungerecht dass wir für einen Tag schwere Arbeit den gleichen Lohn bekommen hatten, wie die anderen für eine
Stunde. Aber dann dachte ich daran, wie Philemon sich über das Silberstück gefreut hatte. Er brauchte diesen Tageslohn genau wie ich zum Überleben, konnte aber nicht mehr so schwer arbeiten. Irgendwie war es also auch wieder gerecht, dass er ihn bekommen hat.
Und bei den vier Kindern, die sich eine Waffel teilen müssen? Wenn Max überhaupt keinen Hunger hat weil er schon vier Pfannkuchen hatte, Anna Waffeln gar nicht mag, und Julia heute noch Nichts zum Mittagessen hatte und furchtbar hungrig ist? Ist es dann immer noch gerecht, dass jeder einen gleich großen Teil bekommt?
Ist es also wirklich gerecht: jeder bekommt das Gleiche, oder jede bekommt das, was sie verdient? Ist es nicht auch gerecht, wenn jeder bekommt, was er braucht? Ich bin mir da nicht sicher.
Aber bei einem bin ich mir ganz sicher: Gott ist großzügig wie Mattan, der Gutsbesitzer. Bei Gott bekomme ich keine Abrechnung, was ich alles nicht geschafft habe. Bei Gott bekomme ich aus dem Vollen, das was ich brauche.
Euer Tagelöhner Achim
Gebet
Lieber Gott,
zur Zeit gibt’s bei uns viele Unterschiede: manche Kinder dürfen ab morgen wieder in die Schule, manche noch nicht. Manche Erwachsenen haben jetzt durch Corona viel weniger Geld als vorher, manche haben nur viel weniger Stress.
Hilf uns, nicht nur darauf zu schauen, was andere haben und wir nicht.
Hilf uns, uns über das zu freuen, was wir Gutes haben und erleben.
Gib allen, was sie brauchen.
Hilf uns, gerecht miteinander umzugehen.
Amen
Segen
Gottes Nähe sei bei uns, bei allem was wir tun.
Gottes Nähe begleite uns auf all unseren Wegen.
Gottes Nähe mache uns gelassen in unruhigen Zeiten.
So segne und behüte uns Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.
Amen
Bastelidee:
Willst Du den Weinberg malen? Oder Achim bei der Arbeit? Oder Philemon, wie er sich über den Silbergroschen freut?
Oder vielleicht lieber Waffeln backen – dann bekommen ja alle genug!
Dafür verrührt ihr 125 g weiche Butter mit 60g Zucker, einem Päckchen Vanillezucker und drei Eiern.
Mischt 250g Mehl mit einem gestrichenen Teelöffel Backpulver und rührt es nach und nach unter.
Zum Schluss rührt etwa einen Viertelliter Milch in den Teig.
Im gefetteten Waffeleisen goldgelb backen, mit Puderzucker bestreuen und frisch genießen!
Möchtest Du Dein Bild oder vielleicht ein Foto von den Waffeln herzeigen? Dann schicke es uns an
basteln@ej-frauenaurach.de oder beate.herrmann@erzbistum-bamberg.de
Ihr könnt die Bilder ansehen unter: www.ej-frauenaurach.de und www.st-xystus.de