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Bildungs- und Studienreise ins Münsterland

Reise Münsterland
Datum:
Veröffentlicht: 14.9.17
Von:
Joachim Gürtler| Öffentlichkeitsarbeit KDFB Erlangen-Büchenbach

„Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen“ das wusste schon Johann Wolfgang von Goethe. Gemäß diesem Motto organisierte der Frauenbund Erlangen-Büchenbach eine 4-Tagestour ins Münsterland – vom 14. bis 17. September 2017 – nach Münster, Gronau und Enschede. Das Münsterland ist eine Region im nördlichen Teil von Nordrhein-Westfalen, deren Kulturlandschaft weit über seine Grenzen hinaus bekannt ist. Die Parklandschaft mit seinen verstreuten Einzelhöfen, den verträumten Wasserschlössern und Burgen und den über Jahrhunderte von der Landwirtschaft geprägten Landschaften machen diesen einmaligen Raum so anziehend für seine Besucher und so lebenswert für seine Bewohner. Die Anreise führte uns über einen Zwischenstopp in Warstein nach Münster. Zur Mittagszeit erreichten wir im Herzen des westfälischen Sauerlands Warstein, die Heimatstadt der Warsteiner Brauerei. Die Brauerei wurde vor über 250 Jahre gegründet und ist heute die größte Privatbrauerei in Deutschland. Im Besucherzentrum der so genannten „Warsteiner Welt“ erlebten wir im Rotarium-Theater eine multimediale Reise durch die Geschichte der Brauerei und den Prozess des Bierbrauens. Anschließend ging es mit der Besucherbahn zur Brauereibesichtigung durch die Produktionsstätten und Lagerhallen der gläsernen Brauerei. Gestärkt mit Sauerländer Eintopf und köstlichem Bier setzten wir nach etwa eineinhalb Stunden unsere Fahrt fort. Am späten Nachmittag erreichten wir das Hotel Wesertürm’ken, unser Quartier für die nächsten drei Tage am Stadtrand der Westfalenmetropole.

Den nächsten Tag starteten wir mit der Besichtigung einer Holzschuhmanufaktur in Ahaus-Wessum. Bis Mitte der 1950er Jahre erlebte das Holzschuhmacherhandwerkwerk im westlichen Münsterland eine Blütezeit. Werner Uhlig – Holzschuhmachermeister in der dritten Generation – zeigte uns die Herstellung eines Holzschuhpaares vom Holzstamm bis zum fertigen Produkt. Ein traditioneller Holzschuh wird aus einem einzigen Holzblock gefertigt, verwendet werden Weichhölzer wie Pappel oder Ahorn. In Ostfriesland und im westlichen Münsterland nennt man die traditionellen Holzschuhe Klumpen. Je nach Region werden die Holzschuhe auch als Holschen, Holsken, Klompen oder Klotschen bezeichnet. Nach Verwendungszweck unterscheidet man Torf-, Eis-, Braut- und Sonntagsklompen, für zwielichtige Gestalten werden auch Schmugglerklompen gefertigt.

Anschließend ging es nach Gronau, der Geburtsstadt Udo Lindenbergs. Bis in die früheren siebziger Jahre war das Städtchen an der niederländischen Grenze Westfalens Zentrum der Baumwollspinnerei. Unser Gästeführer Georg – in stilechter westfälischer Tracht – erinnerte bei seinem informativen und anekdotenreichen Stadtrundgang an die textile Vergangenheit Gronaus. Vorbei an verfallenen Textilfabriken, Themengärten der Landesgartenausstellung, originellen Brunnen (Rad der Kindheit, Blumen- und Löwenbunnen), Wasserturm und Rathausturm im neugotischen Stil zeigte uns unser Stadtführer den speziellen Charme seiner Heimatstadt. Eine weitere Touristenattraktion ist das Rock’n’Pop-Museum, das eine unterhaltsame Zeitreise durch Jahrzehnte der Musikgeschichte erlaubt. Aus Zeitgründen war ein Museumsbesuch nicht vorgesehen.

Auf der Fahrt nach Enschede genossen wir die Schönheit der Münsterländer Parklandschaft. Enschede ist mit 160.000 Einwohnern das großstädtische Herz im Osten der Niederlande. Drei Gästeführer führten uns am frühen Nachmittag durch die Stadt, die nur so sprüht vor Spannung und Elan. Die Besichtigungstour begann am alten Markt. Viele behagliche Cafés, Bars und Restaurants umschließen die große Kirche und machen den Markt jeden Dienstag und Samstag zu einem der größten Märkte der Niederlande. Während des einstündigen Spaziergangs durch die alte Innenstadt, die begrenzt wird von ehemaligen Kanälen, erfuhren wir allerlei Wissenswertes über die Geschichte der Stadt. Dabei wurde auf den großen Brand von Enschede, auf die Blütezeit und auch auf den Untergang der Textilindustrie eingegangen. Der Fußweg entlang an historischen Gebäuden, die von den Textilbaronen hinterlassen wurden, an alten Cafés und zahlreichen Coffeeshops (für weiche Drogen!) war eine wahre Augenweide.

Am späten Freitagnachmittag stand zu guter Letzt noch eine Genussführung durch die Sasse Feinbrennerei in Schöppingen auf dem Programm, die auf eine mehr als 300 Jahre alte Familientradition zurückblicken kann. Sie ist eine der letzten noch verbliebenen Brennereien im Münsterland, einer früheren Hochburg der Kornbrennerei in Deutschland. Margit Rammerbaum, Vertriebsleiterin, präsentierte uns das Handwerk der Feinbrennereikunst mit all seinen Finessen und Geheimnissen. Verwendet werden ausschließlich ausgesuchte Rohstoffe einer Malz-Getreide-Kombination, gepaart mit einer Destillation von Hand sowie einem langsamen, bedachten Reifeprozess in edlen Barriquefässern. Während der Führung durch die Brennerei, Fasslager und Abfüllung kam auch das persönliche Erleben – das Tasting ausgewählter Münsterländer Spezialitäten wie Lagerkorn und Wacholderschnaps – nicht zu kurz. Zum Abschluss hatten wir die Möglichkeit, die gehaltvollen Spezialitäten käuflich zu erwerben. Leicht beschwingt und gut gelaunt ging es zurück ins Hotel zum gemeinsamen Abendessen.

Am Samstag starteten wir mit unserem Fremdenführer Jockel zu einer ganztägigen Münsterlandrundfahrt nach Nordkirchen, Lüdinghausen und Münster. Der kleine Höhenzug der Baumberge verlieh der Region zwischen Havixbeck, Nottuln und Coesfeld einen reizvollen hügligen Charakter. Höchste Erhebung ist der 187 m hohe Westerberg mit dem Longinusturm. Von hier reicht die Sicht bei klarem Wetter bis zum Teutoburger Wald und auch weit bis in das Ruhrgebiet hinein. Unser Gästeführer spendierte hier sowohl uns als auch den Sagengestalten der Baumberge – den sogenannten Teitekerlken – ein Gläschen Korn. Weiter ging die Fahrt nach Nordkirchen, einem kleinen Ort ganz im Süden des Münsterlandes. Das Wasserschloss Nordkirchen – heute Sitz der Fachhochschule für Finanzen – gilt als die bedeutendste barocke Schlossanlage des Münsterlandes und wird auch als das „Westfälische Versailles“ bezeichnet. Das Schloss entstand im Auftrag von Fürstbischof Friedrich Christian von Plettenberg ab dem Jahr 1703 auf dem Grundstück einer ehemaligen Festungsanlage. Wir besichtigten den riesigen Schlosspark, vorbei an Orangerie und Fasanerie, warfen einen Blick auf die rekonstruierte Venusinsel und bewunderten die vielen im Park verstreuten Skulpturen – wenn auch einige von uns nur den Blick auf die vielen Hochzeitspaare hatten.

Malerisch schön auf zwei Inseln gelegen, erhebt sich die Wasserburg Vischering in Lüdingshausen. Sie wurde im Jahr 1580 im Baustil der Renaissance errichtet und gilt als die typischste Burg im Münsterland. Der Weg vom Parkplatz zur Burg erfolgte über eine hübsche Allee mit altem Baumbestand. Die Trutzburg inmitten des Hausteichs ist mit Zugbrücke, Schießscharten und Wehrgängen als Verteidigungsbastion ausgestattet. Der mittelalterliche wehrhafte Kern der Anlage ist bis heute noch sichtbar. Die prachtvollen Repräsentationssäle konnten wir – wegen umfangreicher Bauarbeiten – leider nicht besichtigen.

Münster – eine Stadt voller beeindruckender historischer Sehenswürdigkeiten – stand am Freitagnachmittag auf dem Besuchsprogramm. Mit unseren beiden Tourguides tauchten wir bei einem heiteren Stadtspaziergang in die über 1200 Jahre alte Geschichte der Bischofsstadt ein. Das Rathaus auf dem Prinzipalmarkt zählt neben dem Dom zu den Wahrzeichen der Stadt. Das historische Rathaus mit seinem großartigen Giebel – auch Bogenhaus genannt – gilt als einer der schönsten Profanbauten in Deutschland. Hier wurde mit dem Westfälischen Frieden im 17. Jahrhundert Weltgeschichte geschrieben. Der Prinzipalmarkt ist der Hauptmarkt der Stadt und bildet mit seinen Giebelhäusern ein lebendiges Bild von der architektonischen Vielfalt vergangener Jahrhunderte. Im Turm der Lambertikirche sahen wir die drei eisernen Körbe, in denen die Delinquenten der mittelalterlichen Strafjustiz zur Schau gestellt wurden. Weitere Sehenswürdigkeiten in der geschichtsträchtigen Altstadt sind der Erbdrostenhof, ein prächtiges Adelspalais, die faszinierende Clemenskriche, die Überwasserkirche – auch Liebfrauenkirche genannt - sowie der St. Paulus Dom. Die Katholische Pfarrkirche Liebfrauen-Überwasser erhielt die Bezeichnung Überwasserkirche, da sie jenseits des Flussufers der Aa erbaut wurde. Unser Gästeführer Jockel beeindruckte uns hier mit einem gesungenen „Vater unser“. Der St. Paulus Dom in Münster, deren Grundsteinlegung bereits im 12. Jahrhundert erfolgte, zählt zweifelsohne zu den bemerkenswertesten Kirchenbauten Norddeutschlands. Zu den wertvollsten Ausstattungsstücken zählen der barocke Hochaltar, ein Elfenbein-Kruzifix sowie das Taufbecken aus dem 14. Jahrhundert. Das beliebte Kuhviertel mit seinen vielen Kneipen und Restaurants sowie das berühmte Antiquariat der Wilsberg Krimiserie durfte bei dem Stadtrundgang natürlich nicht fehlen.

Das ehemals größte Steinkohlenbergwerk Europas in Essen – UNESCO-Welterbe Zollverein – war Zwischenstopp auf der Heimreise. Mit einem herzlichen Bergmannsgruß „Glück auf“ empfingen uns drei Gästeführer und gaben uns Einblicke in die authentisch erhaltenen Übertageanlagen des Zollvereins Schacht XII. Der Weg führte von der Schachthalle durch die Sieberei bis zur Kohlenwäsche, die Zeit scheint hier stehengeblieben zu sein. 25 Jahre nach der Schließung der Zeche vereint sie heute Kultur und Kulinarik, Design und Architektur, Handwerk und Kreativwirtschaft.

Wir alle nahmen unvergessliche Eindrücke mit nach Hause, im Gasthof Biber in Speicherz/Rhön kehrten wir noch zum gemeinsamen Abendessen ein. Reiseplanung und -leitung auf unserer 1500 km langen Tour lag wie immer in den bewährten Händen von Johanna Winkelmann. Zur Erinnerung hat sie wieder für uns einen kleinen Reiseführer gestaltet. Mit Ruhe und Gelassenheit verwöhnte sie uns mit Schokolade und Pralinen, mit selbstgebackenen Nussecken und Ingwerplätzchen, mit Pumpernickel, westfälischen Schinken und Grafschafter Kräuterwacholder. Wir bedanken aus auf das Herzlichste und freuen uns schon auf die Tour im nächsten Jahr.

Reise Münsterland
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