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Betrachtungen zum Osterfest von Erzbischof Dr. Ludwig Schick

BAMBERGER--DR--ERZBISCHOF--LUDWIG--PROF--SCHICK
Datum:
Veröffentlicht: 26.3.08
Von:
Homepage der Erzdiözese

Paulus - Zeuge der Auferweckung Christi und der Toten

Lesen Sie die Worte des Bamberger Oberhirten.

Liebe Leserinnen und Leser!

Papst Benedikt XVI. hat ein „Paulusjahr“ ausgerufen. Es soll vom 28. Juni 2008 bis zum 29. Juli 2009 in der ganzen Kirche gefeiert werden. Anlass dafür ist der 2000. Geburtstag des Völkerapostels. Aller Wahrscheinlichkeit nach wurde er in den Jahren acht bis zehn nach Christus geboren. Sein Geburtsort ist Tarsus in Zilizien (vgl. Apg 21,39). Dieser Ort liegt in der heutigen Türkei.

Das Paulusjahr 2008/2009 mitfeiern

Ich möchte Sie, liebe Mitchristen, mit dieser Osterbetrachtung auf das Paulusjahr und vor allem auf Paulus hinweisen. Der Apostel Paulus gehört zu den „Vätern unseres Glaubens“. Sich mit ihm zu beschäftigen bedeutet, unseren Glauben tiefer zu erfassen und ruft dazu auf, wie er „Zeuge des Glaubens“ zu werden. Deshalb lade ich Sie heute schon ein, sich im Paulusjahr mit der Biographie des Völkerapostels Paulus und seinem missionarischen Wirken zu befassen. Sie können sein Leben und seine Botschaft anhand der Apostelgeschichte nachvollziehen. Ab dem 9. Kapitel berichtet sie vom Leben und Wirken des Paulus. Aus Liebe zu Christus und begeistert von seiner Botschaft hat er das Evangelium verkündet. Sein Missionseifer kann uns heute neu anstecken, damit wir die Botschaft Christi unerschrocken den Menschen unserer Zeit weitersagen.

Vielleicht können Sie im Paulusjahr auch einen oder mehrere seiner Briefe im Neuen Testament lesen und bedenken. Schön wäre es auch, wenn sich der eine oder andere auf die „Spuren des hl. Paulus“ begeben und eine Pilgerreise in die Türkei, nach Griechenland, ins Heilige Land oder auch nach Rom, wo Paulus das Martyrium erlitt und begraben ist, unternehmen könnte.

Ostern - Zentrum paulinischer Theologie und Mission

Vor allem möchte ich Sie heute einladen, sich mit dem „Zentrum“ der Botschaft und Theologie des Paulus zu beschäftigen, mit der „Auferweckung Jesu Christi und der Toten“. Wie zentral die Auferweckung Christi und der Toten für das Leben und die Verkündigung des Paulus ist, bekennt er selbst so: „Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist euer Glaube nutzlos, und ihr seid immer noch in euren Sünden; und auch die in Christus Entschlafenen sind dann verloren“ (1 Kor 15, 17-18). Aber nicht nur im 1. Korintherbrief, sondern auch in allen anderen Briefen finden sich mehrfach Aussagen über die Bedeutung der Auferweckung Christi. Dabei ist es auffällig, dass Paulus sich nur mit dem Faktum befasst. Das 'Wie' interessiert ihn nicht. Kein einziges Mal erwähnt er das „leere Grab“ oder das Erdbeben, das nach dem Matthäusevangelium die Auferstehung begleitete. Er spricht auch nicht von Engelerscheinungen oder Grabeswächtern, die wie tot umfielen, als Christus aus dem Grab hervorkam. Für Paulus ist nur wichtig: Christus ist aus dem Tod auferweckt worden und lebt, er erscheint und spricht die Menschen an. Ohne die Auferweckung ist Christsein und Kirche für ihn nicht denkbar. Im 15. Kapitel des 1. Korintherbriefes zitiert und bestätigt Paulus ein Bekenntnis der Auferweckung, das er schon empfangen hat. „Denn vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tage auferweckt worden, gemäß der Schrift, und erschien dem Kephas, dann den Zwölf. Danach erschien er mehr als fünfhundert Brüdern zugleich; die meisten von ihnen sind noch am Leben, einige sind entschlafen. Danach erschien er dem Jakobus, dann allen Aposteln. Als letztem von allen erschien er auch mir, dem Unterwarteten, der 'Missgeburt'“ (1 Kor 15,3-8).

Auferweckung, nicht Auferstehung

Paulus benutzt nicht das Wort 'Auferstehung', sondern den Begriff 'Auferweckung'. Das ist ein wichtiger Unterschied. Das Wort „Auferstehung“ war zu Lebzeiten des hl. Paulus in der griechischen Philosophie beheimatet. Mit ihm wurde die Theorie der unsterblichen Seele dargelegt und der Frage nachgegangen, was das Wesen des Menschen ist und ob er überhaupt sterben könne. Diese theoretischen Fragen interessieren Paulus nicht. „Auferweckung“ ist für ihn vor allem ein Bekenntnis zu dem Gott, der das Leben in sich hat und das Leben gibt (vgl Johannesevangelium 5,26). Gott ruft den Menschen an oder weckt ihn zum Leben auf. Auferweckung Christi und der Toten sind für Paulus ein „göttliches Schöpfungswerk“. In Adam wurde die erste, die verlorene Menschheit, erschaffen, weil in Adam alle sündigen und so dem Tod verfallen. In Christus wird die „neue Menschheit“ ins Leben gerufen. Dazu nimmt er die Sünde der ganzen Menschheit auf sich und stirbt am Kreuz. Mit seinem „Tod am Holz“ wird die Sünde und der Tod, der „vom Holz des Paradieses“ kam, vernichtet. Gott erweckt seinen Sohn von den Toten, damit er, der Lebende, alle zum neuen ewigen Leben erwecken kann. Seit seiner Auferweckung geht von Christus der „Auferweckungsruf“ zum neuen Leben aus. Deshalb ist Sein Erscheinen 'in geistiger Weise' durch das Wort der Predigt, das zum Glauben führt, so entscheidend. Das neue Leben oder die neue Schöpfung hat in Jesu Auferweckung seinen Anfang genommen. Christus wird das neue Leben auch am Ende der Zeiten im neuen Himmel und der neuen Erde vollenden.

Der auferweckte Christus erweckt zum neuen Leben

Das Ziel der Auferweckung Jesu ist die Auferweckung der Menschen zum neuen Leben. „Denn Christus ist gestorben und lebendig geworden, um Herr zu sein über Tote und Lebende“ (Röm 14,9). Im 15. Kapitel des 1. Korintherbriefes, den ich schon erwähnt habe, schreibt Paulus: „Nun aber i s t Christus von den Toten auferweckt worden als der Erste der Entschlafenen. Da nämlich durch e i n e n Menschen der Tod gekommen ist, kommt durch e i n e n Menschen auch die Auferstehung der Toten. Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden“ (1 Kor 15,20-22). In diesem Satz wird deutlich, was eigentlich Auferweckung der Toten bedeutet: Nämlich lebendig werden in Christus. Diese Auferweckung der Toten beginnt für Paulus hier und jetzt. Ohne Christus sind wir Menschen tot, mit Christus leben wir, ob wir leben oder sterben.

Ihr seid eine neue Schöpfung in Christus

Für Paulus ist der Unterschied zwischen der Auferweckung zum neuen Leben hier und jetzt und der Auferweckung der Toten nach dem Sterben für die Ewigkeit kein 'wesentlicher Unterschied'. Das neue Leben, die neue Schöpfung, der neue Mensch, zu dem Christus auferweckt, beginnt jetzt und endet nie mehr. Deshalb findet man bei Paulus auch keine Spekulationen über Himmel, Hölle und Fegfeuer. Er lehnt es auch ab, darüber Auskunft zu geben, wie der von den Toten auferweckte Leib aussehen wird. Er antwortet lapidar: „Wir werden nach dem Bild des Himmlischen gestaltet werden“ (vgl. 1 Kor 15,49). Wem der auferweckte Christus im Glauben erscheint oder offenbar wird, der ist zum neuen Leben auferweckt.

Das neue Leben, die neue Schöpfung, der neue Mensch sind nicht Theorie oder Gnosis, d. h. Erkenntnis, die mit dem Leben nichts zu tun hat, sondern Praxis, die das Leben verändert. Das neue Leben ist von Vertrauen, Freiheit, Friede und Heiligkeit bestimmt. Auferweckung ist „Herrschaftswechsel“. Das äußere Zeichen dafür ist die Taufe. In der Taufe stirbt der Mensch mit Christus und steht mit ihm zum neuen Leben auf (vgl. Röm 6,1-11). Wer den Ruf zum neuen Leben hört und ablehnt, bleibt im Tod.

Die Auferweckung des Paulus vor Damaskus

Was ich eben aus den Briefen des Paulus dargelegt habe, hat der Völkerapostel an sich selbst erfahren. Auch für ihn beginnt die Auferweckung von den Toten zu seinen Lebzeiten, nämlich vor den Toren von Damaskus. Christus erscheint ihm. Die Stimme: „Saulus, Saulus, warum verfolgst du mich?“ und „Ich bin Jesus“ (vgl. Apg 9,5) ruft ihn aus dem Tod zum Leben. Mit dem Damaskuserlebnis beginnt für Paulus das Leben der Auferweckung. Vorher, ohne Christus, war er tot. Seit er Christus begegnet ist, lebt er: „Denn für mich ist Christus das Leben“ (Phil 1,21), so bekennt Paulus.

Die Auferstehung der Toten - Weckruf Gottes zum ewigen Leben im Himmel

Vom französischen Philosophen Gabriel Marcel stammt die Einsicht: „Einen Menschen lieben heißt sagen: Du wirst auferstehen!“ Die Auferweckung der Verstorbenen fügt nach Paulus der 'Auferweckung der Lebenden' zum neuen Leben in Christus nichts Wesentliches hinzu, sondern setzt fort und erfüllt, was begonnen wurde. Wer sich von Christus zum neuen Leben auferwecken lässt, der geht auch im Tod nicht unter. Der Tod ruft ihn (nur) hinüber ins neue, ewige Leben, wohin Christus vorausgegangen ist und wo kein Tod mehr ist, keine Tränen und kein Leid.

Nach Paulus werden alle Toten zum Leben erweckt. Entsprechend ihrem Leben in dieser Zeit leben sie in der Ewigkeit. Die Gutes taten sind berufen zum ewigen Leben bei Gott, die Böses taten verfallen dem Gericht (vgl. Röm 1,7-9).

Im 6. Kapitel des Römerbriefes wird das so zusammengefasst: „Wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben. Wenn wir nämlich ihm gleich geworden sind in seinem Tod, dann werden wir mit ihm auch in seiner Auferstehung vereinigt sein. Wir wissen doch: Unser alter Mensch wurde mitgekreuzigt, damit der von der Sünde beherrschte Leib vernichtet werde und wir nicht Sklaven der Sünde bleiben. Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde. Sind wir nun mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden“ (Röm 6, 4-8). Die Lebendigkeit der Menschen in Christus erweist sich so stark, dass ihnen auch der Tod nichts anhaben kann. Im Tod geht der Mensch mit Jesus Christus zum ewigen Leben. Dietrich Bonhoeffer hat das so zum Ausdruck gebracht: „Christus ist nicht in die Welt gekommen, dass wir ihn begreifen, sondern dass wir uns an ihn klammern, dass wir uns einfach von ihm hinreißen lassen in das ungeheuere Geschehen der Auferstehung.“

Die Freiheit und Freude des neuen Lebens

Ich möchte Sie einladen, sich in den österlichen Tagen 2008 mit dem 15. Kapitel des 1. Korintherbriefes zu befassen. In ihm legt Paulus den Glauben an die Auferweckung Christi und der Toten dar. Er zeigt dabei auf, dass das neue Leben Freiheit und Freude, Heiligkeit und Friede bedeutet. Das neue Leben in Christus begründet auch eine neue Kultur des Miteinanders aller Menschen in gegenseitiger Achtung und Solidarität weltweit. Lassen Sie die Auferweckungsbotschaft des Apostels Paulus auf sich wirken. Entdecken Sie die Frohe Botschaft neu, die gefeiert und weitergesagt werden will. Die Weitergabe des Glaubens und missionarisch Kirchesein gehören zum Glauben an die Auferweckung Christi und der Toten dazu. Indem wir das 'Evangelium des Lebens' weitersagen, wird es uns selber immer mehr zur frohmachenden Wirklichkeit, die unser ganzes Leben bestimmt.

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Osterfest, das Sie mit Friede und Freude über das neue Leben in Christus erfüllen möge

Ihr Erzbischof Dr. Ludwig Schick, Erzbischof von Bamberg

Osterbetrachtungen für die Kirchenzeitung Heinrichsblatt, erschienen in der Osterausgabe.