Auferstehung = Aufstehen zur Begegnung

Osterbetrachtung von Erzbischof Dr. Ludwig Schick im Heinrichsblatt
Auferstehung ist ein schwieriges Wort. Viele können sich darunter nichts vorstellen. „Aufstehen“, das verstehen wir, morgens aus dem Bett oder mittags nach dem Mittagsschlaf. Auch nach längerer Krankheit oder wenn wir hingefallen sind, stehen wir wieder auf.
Der Begriff „Auferstehung“ kommt nur in der Kirche vor, im Apostolischen Glaubensbekenntnis gleich zweimal. Von Christus wird gesagt: „am dritten Tage auferstanden von den Toten“. Für alle Menschen bekennt das Credo die „Auferstehung der Toten und das ewige Leben“. Aber auch viele Katholiken können offenbar nur wenig mit diesen Glaubensartikeln anfangen. Nur rund 40 Prozent, so hat das Allensbacher Institut festgestellt, bejahen sie. Auf der anderen Seite möchten die Menschen aber das ‚haben’, was mit Auferstehung gemeint ist: Das Leben ohne Ende, Glück und Frieden, die nicht vergehen, Liebe, die Ewigkeitswert hat. Der französische Philosoph Gabriel Marcel hat diese Sehnsucht in dem Satz ausgesprochen: „Lieben, das heißt zum anderen sagen: Du wirst nicht sterben.“ Paulus formulierte dasselbe vor zweitausend Jahren so: „Wir verkündigen, wie es in der Schrift heißt, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist: das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben“ (1 Kor 2, 9).
Gott ist ein Gott der Lebenden
An die Auferstehung der Toten und das Leben über den Tod hinaus trotz des Sterbens zu glauben, das war nie einfach. Zur Zeit Jesu leugneten zum Beispiel die Sadduzäer, die ansonsten durchaus fromme Leute waren, die Möglichkeit der Auferstehung von den Toten. Mehrfach wird erzählt, wie Jesus diesbezüglich von ihnen in Streitgespräche verwickelt wurde; sie wollten die Botschaft von der Auferstehung ad absurdum führen. So kamen einmal Sadduzäer zu ihm und erzählten, eine Frau habe nacheinander sieben Brüder geheiratet. Nach dem Tod des Letzten starb auch sie. Daran anschließend stellten die Sadduzäer Jesus die Fangfrage: „Wessen Frau wird sie bei der Auferstehung der Toten sein?“ Sie wollten damit Jesus und die, die an die Auferstehung glaubten, lächerlich machen. Jesus antwortete ihnen: „Ihr kennt weder die Schrift noch die Macht Gottes. Denn nach der Auferstehung werden die Menschen nicht mehr heiraten, sondern sein wie die Engel im Himmel …“. Gott ist nicht der Gott der Toten, sondern der Gott der Lebenden (vgl. Mt 22,23-33).
Auch nach der Verklärung Jesu auf dem Berg beschäftigte die Jünger „dieses Wort“ von der Auferstehung „und sie fragten einander, was das sei: von den Toten auferstehen“ (Mk 9,10).
Tot ist tot – oder doch nicht?
Der auferstandene Jesus hatte es ebenfalls nicht leicht, seine Apostel, die Jüngerinnen und Jünger, von der Auferstehung zu überzeugen. Obwohl sie Jesus als den Messias des anbrechenden Gottesreiches erlebt, seine machtvolle Predigt gehört und seine Wunder miterlebt hatten, musste er harte Überzeugungsarbeit leisten, um sie zum Glauben an seine Auferstehung zu führen. Den Emmausjüngern ging er zum Beispiel nach, redete mit ihnen auf dem Weg lang und intensiv, kehrte bei ihnen ein und brach das Brot. Da erst erkannten sie ihn (vgl. Lk 24, 13–35). Thomas wollte ohne Beweise nicht glauben. Jesus erschien eigens noch einmal für ihn. Der Apostel legte seine Finger in die Wunden Jesu und seine Hand an seine Seite, erst dann wurde er gläubig (vgl. Joh 20, 24-29). Maria Magdalena und die anderen Frauen hielten Jesus für endgültig tot, deswegen wollten sie dem Leichnam die letzte Ehre der Totensalbung erweisen. Der Auferstandene begegnete ihnen und sprach sie an. Sie erkannten ihn und glaubten an seine Auferstehung (vgl. Mt 28, 9 f.). Besonders eindringlich wird die Begegnung des Auferstandenen mit Maria aus Magdala geschildert: Sie hält ihn zunächst für den Gärtner, der den Leichnam beiseite gebracht haben könnte; auch sie erkennt ihn nicht! Erst als Jesus sie mit ihrem Namen anspricht: „Maria!“, fällt es ihr wie Schuppen von den Augen (vgl. Joh 20, 11-18). Petrus und die anderen Jünger waren nach der Katastrophe auf Golgatha zu ihren Familien und zu ihrer Arbeit am See Genezareth zurückgekehrt. Jesus ging ihnen nach, schenkte ihnen einen reichen Fischfang und bereitete ihnen am Ufer ein Mahl, um sie zum Glauben an die Auferstehung zu führen (Joh 21, 1-14).
Begegnung ist der Schlüssel zum Glauben an die Auferstehung
Durch Begegnungen führt der auferstandene Jesus die Seinen zum Glauben an die Auferstehung und das neue, ewige Leben im Himmel. Begegnung ist der Schlüssel zum Glauben an die Auferstehung damals wie heute. So wie die Jünger können auch wir zum Glauben an die Auferstehung kommen. Wir begegnen Jesus Christus im Gottesdienst, im Lesen und Hören des Wortes Gottes aus der Bibel und durch das stille Gebet. Eine Begegnung mit dem auferstandenen Christus findet auch heute statt, wenn wir die Eucharistie feiern, das Brot brechen, miteinander singen und beten. In der Eucharistiefeier begegnen wir so wie die Jünger von Emmaus dem auferstandenen Christus, und unser Glaube an die Auferstehung wird geweckt (vgl. Lk 24, 30 f.).
Begegnung mit dem auferstandenen Herrn geschieht auch im Bußsakrament, wenn er uns ganz persönlich zusagt: „Deine Schuld ist dir vergeben! Du bist nicht mehr gebunden an das Böse. Du bist frei, um Gott zu dienen und den Nächsten zu lieben wie dich selbst“. So wie der Gelähmte nach der Begegnung mit Jesus, der ihm zugesagt hatte: „Deine Sünden sind dir vergeben!“, können auch wir nach dem Zuspruch der Vergebung in der Beichte „aufstehen“ und gestärkt nach Hause, d. h. in unseren Alltag zurückgehen (vgl. Mk 2, 1-12).
Wenn wir einem gläubigen Menschen begegnen, können wir zur Auferstehung der Toten gelangen.
Auferstehung mitten im Leben und im Tod
Durch Begegnung ereignet sich Auferstehung mitten im Leben und im Tod. Wenn einem Menschen, der traurig ist, weil ihm Leid widerfuhr, der deprimiert ist, weil ihm mitgeteilt wurde, dass er krank ist oder entlassen wird, jemand begegnet, mit dem er ein gutes Gespräch führen kann, der Optimismus vermittelt und Perspektiven für die Zukunft aufzeigt, erfährt er Auferstehung. Wir können durch Begegnung Auferstehung mitten im Leben erfahren. Jesus sagt: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen“ (Mt 11, 28). Wie geschieht das heute? Paulus gibt uns einen konkreten Hinweis: „Einer trage des anderen Last“ (Gal 6, 2). Wenn wir uns für Menschen einsetzen und ihre ‚Last’ beheben, so weit es uns möglich ist, geschieht Auferstehung. Wenn wir die Nackten bekleiden, die Hungernden speisen, die Dürstenden tränken, den mühselig Beladenen beistehen (vgl. Mt 25, 31-46), dann ereignet sich Auferstehung und wir erfahren, dass Auferstehung möglich ist, denn wem geholfen wird, der atmet auf, der richtet sich auf, der steht auf zu neuem Leben.
Aufstehen zur Auferstehung
Damit aber Auferstehung durch Begegnungen erfolgen kann, ist das Aufstehen Voraussetzung und Bedingung. Aufstehen zur Begegnung mit den Armen, den Leidtragenden und denen, die am Rand stehen. Eines der neueren geistlichen Lieder bringt das mit den Worten eines Refrains zum Ausdruck: „Wir wollen aufstehn, aufeinander zugehn, voneinander lernen, miteinander umzugehn. Wir wollen aufstehn, aufeinander zugehn und uns nicht entfernen, wenn wir etwas nicht verstehn.“
Wer hocken bleibt, hat keine Begegnungen und kommt nicht zur Erfahrung, wie Auferstehung geschieht; dem bleibt der Glaube an die Auferstehung verschlossen. Deswegen heißt es in der ersten Strophe des eben genannten Liedes: „Viel zu lange rumgelegen, viel zu viel schon lamentiert. Es wird Zeit, sich zu bewegen, höchste Zeit, dass was passiert.“ Nicht durch grüblerisches Nachdenken und endlose Diskussionen findet man zum Glauben an die Auferstehung, sondern durch das Zugehen auf den anderen, durch das Bemühen um Begegnung, auch wenn es schwierig ist, durch das Gewinnen neuer Freunde und das Einbeziehen derjenigen, die bisher am Rande oder außerhalb unseres Gesichtskreis stehen: „Dass aus Fremden Nachbarn werden, das geschieht nicht von allein. Dass aus Nachbarn Freunde werden, dafür setzen wir uns ein“, endet die letzte Strophe des zitierten Liedes. Wichtig sind auch die Begegnungen bei Festen und Feiern, beim Tanzen und in der Freude. Sie vermitteln, was Auferstehung bedeutet. Wenn wir uns in diesem Sinn um Begegnungen untereinander und mit anderen bemühen, dann kann auch in unserer von Individualismus und Abschottung geprägten Gesellschaft Auferstehung geschehen und der Glaube an die Auferstehung wieder Boden gewinnen.
Wenn durch Begegnung Auferstehung mitten im Leben erfahren wurde, dann kann auch an die Auferstehung der Toten wieder geglaubt werden. Auferstehung mitten im Leben macht offen dafür, dass auch der Tod nicht das letzte Wort hat, sondern der, der uns immer treu begegnet, Jesus Christus, der das Leben in sich hat. Er ist stärker als der Tod und lebendiger als alles Sterben.
Auferstehen zum ewigen Leben
Der Glaube an die Auferstehung, der unser Leben hoffnungsvoll, frei und glücklich macht, der unserer Liebe und unserem Glück Ewigkeit verleiht und unserem Leid, unserer Not und unserem Tod ein endgültiges Ende verheißt, ist keine Theorie. Zum Glauben an die Auferstehung kommt man nicht durch Nachdenken, Grübeln, Theoretisieren und durch das Austauschen von Argumenten dafür und dagegen. Zum Glauben an die Auferstehung kommt man durch das „Aufstehen zu Begegnungen“.
Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Osterfest, das Sie im Glauben an die Auferstehung bestärkt. Ich wünsche Ihnen ein Osterfest, das Sie aufstehen lässt zu vielen schönen Begegnungen mit Menschen und der Natur, die Ihnen den Glauben an die Auferstehung vermitteln und verstärken.
Gesegnete, frohmachende Ostern!
Ihr Erzbischof
Dr. Ludwig Schick
Erzbischof von Bamberg