9. Bibelerzählung – „Gekreuzigt“

Joh 18,1-19,42
Der nächste Tag war ein Freitag. Andreas erklärte Ruth und Beni: „Heute ist ein besonderer Tag. Wir denken heute an den Tod von Jesus. Denken an seinen grausamen Tod am Kreuz. Wir danken ihm dafür. Wir danken ihm für seine große Liebe. Und, Kinder, dies ist ein schwerer Tag für mich. Die Erinnerungen an diesen Tag sind immer noch lebendig.
Die Angst. Die Trauer. Der Schmerz.“ Großvater wirkte heute sehr ernst. Er fuhr fort:
„Heute am Nachmittag will ich euch von Jesu Tod erzählen. Wie es war an diesem Freitag vor dreißig Jahren. Ich weiß. Ihr kennt die Geschichte bereits.
Aber sie muss immer wieder erzählt werden. Jesus hat uns an diesem Tag ein unbegreifliches Geschenk seiner Liebe gemacht. Das größte Geschenk überhaupt. Er hat uns sein Leben geschenkt.“
Selbst Beni spürte den Ernst dieses Tages. Er machte gar keinen Unfug. War ungewöhnlich still und half seinem Vater David bei der Durchsicht der Einkäufe von gestern. Ruth half ihrer Mutter beim Hausputz. Andreas zog sich zum Beten zurück.
Dann wurde es Nachmittag. Ihre Unterkunft war sauber aufgeräumt. Mitten im Raum stand ein kleiner, niedriger Tisch.
Darum herum waren Sitzmatten ausgebreitet. Auf dem Tisch waren fünf kleine Öllichter (Kerzen) aufgestellt. Alle fünf brannten. Das war ungewöhnlich.
(Zuhause: fünf Teelichter oder Kerzen stehen brennend auf dem Tisch)
Großvater Andreas saß schon da. Er hatte den Kopf gesenkt. Beni und David, Ruth und Rebekka setzten sich ebenfalls um das Tischchen. Auch sie waren leise und still. Großvater hob den Kopf. Nach einer kleinen Weile begann er unvermittelt zu erzählen:
„Wir hatten miteinander gegessen. Das Essen werde ich niemals vergessen. Es war das letzte mit Jesus. Dann hatte er uns die Füße gewaschen. Uns, seinen Freundinnen und Freunden. Aber das habt ihr ja gehört. Das hatte Barnäus gestern erzählt. Danach sind wir in den Garten Getsemani gegangen. Jesus hatte schreckliche Angst. Das konnten wir alle spüren. Im Garten wollte Jesus beten. Wir sollten mit ihm wachen. Aber wir sind immer wieder eingeschlafen. Irgendwann wurden wir wach. Lärm um uns herum. Das Klirren von Waffen. Soldaten waren gekommen.
Judas Ischariot stand bei den Soldaten. Dann ging alles ganz schnell.
Nur wenige Worte fielen. Dann wurde Jesus verhaftet, gefesselt und abgeführt. Es war eine dunkle Nacht. Und durch die Verhaftung Jesu wurde sie noch dunkler.“
Andreas blies eines der fünf Öllichter aus.
(Zuhause: blasen Sie eines der Teelichter aus.)
„Petrus hatte als Einziger von uns Mut bewiesen. Er lief nicht davon. Er folgte Jesus und den Soldaten bis in den Palast des Hohepriesters. Dort hielt er sich unauffällig auf. Aber eine Magd erkannte ihn. Sie fragte ihn:
‚Bist du nicht ein Freund dieses Jesus von Nazareth?‘ Dreimal fragte sie ihn. Und dreimal sagte Petrus: ‚Nein, diesen Jesus kenne ich nicht. Mit dem habe ich nichts zu schaffen.‘
Jetzt hatte auch Petrus der Mut verlassen. Er traute sich nicht, zu Jesus zu halten.‘ Dann krähte ein Hahn. Und Petrus weinte. Für Jesus wurde es noch dunkler. Der letzte Freund hatte ihn auch noch verlassen. Er war jetzt ganz allein.“
Andreas blies abermals ein Öllicht aus.
(Zuhause: blasen Sie eines der Teelichter aus.)
„Später wurde Jesus vor Pontius Pilatus geführt. Pontius Pilatus war der Herrscher über Jerusalem. Er war Römer. Pontius Pilatus sprach mit Jesus. Er war unsicher. War Jesus wirklich ein Verbrecher? So hatten es seine Ankläger jedenfalls behauptet. Vor Pilatus Palast hatte sich eine große Menge versammelt. Die schrie nun ganz laut: ‚Ans Kreuz mit Jesus! Er muss sterben! Jesus muss sterben!‘ Immer lauter schrien die Menschen. Noch vor wenigen Tagen riefen sie: `Hosanna!´ Es waren die gleichen Menschen.
Erst jubelten sie Jesus zu. Jetzt wollten sie seinen Tod.
Pilatus gab der Menge nach. Er sagte seinen Soldaten: ‚Fesselt diesen Jesus! Schlagt ihn! Und heute Nachmittag hängt ihn ans Kreuz!‘ Jetzt war es um Jesus geschehen. Es gab keine Rettung mehr für ihn. Jesus aber redete sich nicht heraus. Er blieb in der Liebe. Er ertrug alles. Den Spott und die Schläge.“
Ein weiteres Öllicht wurde von Andreas ausgeblasen.
(Zuhause: blasen Sie eines der Teelichter aus.)
„Am Nachmittag wurde Jesus das schwere Kreuz auf die Schultern gelegt. Er musste das Kreuz selbst tragen. Hinauf nach Golgota. Das war der Name eines Hügels außerhalb der Stadtmauern. Jesus war schwach von den Schlägen. Das Kreuz war schwer. Der Weg war weit. Viele Menschen standen am Rande. Manche hatten Mitleid mit Jesus. Andere beschimpften ihn auch noch. Es war ein unglaublich schwerer Weg. Jesus fiel mehrmals hin. Schließlich half ihm ein Mann. Er trug das Kreuz mit ihm zusammen. Der Mann hieß Simon von Zyrene. Dann erreichte Jesus den Hügel Golgota.
Es war so traurig. Selbst die Sonne verdunkelte sich. Sie versteckte sich hinter dichten Wolken.“ Ein weiteres Öllicht auf dem Tisch erlosch.
(Zuhause: blasen Sie eines der Teelichter aus.)
Jetzt brannte nur noch ein einzelnes Licht auf dem Tisch. Im Raum wurde es düster. Andreas schaute alle an. Er hatte Tränen in den Augen. Dann fuhr er fort:
„Dann kam das Ende. Die Soldaten nagelten Jesus ans Kreuz. Dann stellten sie das Kreuz auf. Jesus hing am Kreuz. Man konnte ihm die schrecklichen Schmerzen ansehen. Die Frauen waren mutig. Seine Mutter blieb bei ihm und einige andere Frauen. Und Johannes, einer der Jünger, er war auch da. Wir anderen hatten zu viel Angst. Ich schäme mich noch heute.
Jesus schaute alle mit liebevollem Blick an. Vom Kreuz herab. Es war kein Hass in seinen Augen. Keine Anklage und kein Vorwurf. Nur Liebe. Dann sagte er:
‚Es ist vollbracht!‘ Er schloss die Augen. Sein Kopf fiel zur Seite. Jesus war tot.“
Großvater blies das letzte Öllicht aus. Es wurde dunkel im Raum. Keiner sprach.
(Zuhause: blasen Sie eines der Teelichter aus)
Nach einer ganzen Weile sagte Andreas noch ein paar Worte:
„Jesus hat den Schmerz ausgehalten für uns alle.
Er hat das Dunkel angenommen für uns. Er ist gestorben für uns.
Eine größere Liebe konnte er nicht zeigen.
Das ist das Wundervolle an dieser grausamen Geschichte. Seine Liebe für uns.“ Er sah alle in dieser bedrückenden Stille mit einem tiefen Blick an.
Nach einer Weile fügte Andreas hinzu:
„Wisst ihr, ich liebe euch von Herzen. Jesus hat für mich deutlich gemacht, dass wir trotz Schmerzen, Leid, Krieg, Hunger, Trauer immer in seiner Liebe verbunden sind.
Ich bin euch sehr dankbar, dass ihr heute mit mir diese Erinnerung geteilt habt. So kann diese wunderbare Botschaft weiterleben.
Morgen werden wir einen ganz ruhigen Tag erleben, Beni und Ruth.
Wisst ihr, um Jesu Liebe in seinem Sterben am Kreuz ganz tief zu spüren, brauche ich ein wenig stille Zeit. Zeit zum Verarbeiten.
Zeit zum Klarwerden, was Jesus uns damit sagen wollte.
Euch tut es vielleicht auch gut. Diese stille Zeit zum Nachspüren.“
(Quelle: Gemeindekatechese Erzbistum Bamberg, Thomas Höhn)