7. Bibelerzählung – Der Dienst am Nächsten

Joh 13,1-15
Es waren nun schon fünf Tage vergangen. Fünf Tage Jerusalem.
Am Morgen dieses Tages sagte Großvater: „Heute Abend werden wir Barnäus treffen. Einen alten Freund von mir. Er gehört auch zur Gemeinschaft der Christen hier in Jerusalem.“ „Barnäus, den Namen habe ich ja noch nie gehört.
Wer soll das denn sein?“, wollte Ruth wissen. Laut dachte sie nach: „Also, von den Aposteln ist das keiner. Du hast den Namen auch noch nie erwähnt. Außerdem ist Barnäus ein komischer Name. Großvater, wer ist das?“
„Barnäus war einst ein Sklave. Jetzt ist er frei. Er gehört hier zur Gemeinde der Christen. Wer er ist? Das wird er euch selbst erzählen. Und auch, was er erlebt hat, mit Jesus.“
Der Tag verging schnell. Außerdem standen Einkäufe auf dem Programm.
In der Stadt war viel los. Die jüdische Bevölkerung bereitete sich auf das Pessach-Fest vor. Am Abend machten sich Beni, Ruth, ihre Eltern und Andreas noch einmal auf den Weg. Sie wollten den Abend in einem nahegelegenen Saal verbringen. Dort sollten sie auch Barnäus treffen.
Großvater hatte ihnen nicht mehr verraten. Obwohl Beni und Ruth mindestens hundert Mal nachgefragt hatten.
Andreas sagte immer nur: „Wartet ab. Barnäus wird euch seine Geschichte selbst erzählen.“
Und dann waren sie dort. Am Haus, in dem der Saal lag. Sie waren etwas zu spät dran. Unterwegs waren sie in eine römische Straßensperre geraten.
Sie mussten genau erklären, wer sie waren. Wo sie hinwollten. Was sie dort tun wollten. Wo sie Herberge genommen hatten. Und noch viele Fragen mehr.
Es war einfach nur lästig. Aber die Römer hatten das Sagen in der Stadt.
Sie waren die mächtigen Herren. Da half nichts. Als sie in den Saal traten, sahen sie viele Menschen am Boden und auf Bänken sitzen.
Es hatte schon begonnen. Ein Mann erzählte offensichtlich eine Geschichte. Großvater flüsterte ihnen zu: „Das ist Barnäus. Setzt euch leise hin und hört zu. Wenn ihr Fragen habt, dann hebt sie euch für später auf.“ Und das taten sie. Sie setzten sich hin und hörten zu. Barnäus war schon mitten in seiner Geschichte: „… dann endlich stand ich in der Bäckergasse. Vor dem Haus des Ben Achim. Ich hörte gedämpfte Stimmen aus dem Obergeschoß.
An der Treppe hinauf zum Festsaal brannte ein Öllicht. Ängstlich schaute ich mich um. Auf der Straße war niemand außer mir zu sehen. Dann … eine Stufe. Noch eine Stufe. So stieg ich langsam und immer noch unsicher die Treppe hinauf. Bis ich oben am Absatz angekommen war. Die Tür war nur angelehnt. Durch den Spalt konnte ich Andreas sehen.“
… Ruth zupfte Großvater am Arm. Flüsternd fragte sie: „Meint er dich? Bist du dieser Andreas?“ Großvater nickte sanft.
Und wandte den Kopf wieder Barnäus zu. Ruth verstand. Sie hörte weiter aufmerksam zu …
„Andreas stand gleich neben der Tür. In diesem Moment drehte er sich um und öffnete die Türe ganz. Er hatte mich wohl gehört.
„Schalom“, sagte er ganz leise, „komm herein.“ Ich trat ein. Viele Eindrücke stürmten gleichzeitig auf mich ein. Eine Gruppe von vielleicht 20 Männern und Frauen war da versammelt. Manche schauten mich kurz an. Wandten sich aber gleich wieder einem Sklaven zu. Das war ungewöhnlich. Der saß am Boden und wusch den anderen die Füße. Im Hintergrund konnte ich einen gedeckten Tisch erkennen. Aber offenbar hatte das Mahl schon statt gefunden.
„Seltsam, das alles“, dachte ich bei mir. „Bei uns werden die Füße der Gäste vor dem Essen gewaschen, nicht danach.“ Ich sah Andreas unsicher an und fragte ihn: „Soll ich nicht besser wieder gehen? Ich bin wohl zu spät?“
„Nein, bleib und sieh hin.“ Sagte er. „Welcher ist denn Jesus?“ fragte ich leise. „Na, der am Boden mit der Schüssel, der den anderen die Füße wäscht.“
„Der Sklave!?“, entfuhr es mir ungläubig. „Hör und sieh!“, sagte da Andreas nur. Und ich hörte und sah. Ich sah Jesus. Und ich sah einen Mann, der sich offenbar nicht die Füße von Jesus waschen lassen wollte.
„Jesus, Herr, wie kommst du dazu, mir die Füße zu waschen? Ich sollte dir die Füße waschen“, sagte er. Darauf sagte Jesus, den ich nur von hinten sehen konnte: „Petrus, sei nicht wieder so uneinsichtig. Wenn ich dir nicht die Füße wasche, dann hast du keine Gemeinschaft mit mir.“
Da gab der andere nach und zog die Sandalen aus.
Er ließ sich die Füße waschen und trat wieder zurück. So ging das weiter, bis allen die Füße gewaschen worden waren. Allen, bis auf mich. Nun wandte sich Jesus um und sah mich an. „Komm her, Barnäus, auch dir will ich die Füße waschen.“ Ich konnte nichts sagen. Spürte aber, wie mich Andreas sanft bis vor Jesus hinschob. Ich streifte meine Sandalen ab, setzte mich auf einen kleinen Schemel. Und – ich hielt Jesus meine Füße hin. Noch heute spüre ich das Wasser. Es rann kühl über meine staubigen Füße. Ich spüre noch heute seine Hände. Ganz sanft. Ich spüre noch heute seinen Blick auf mir ruhen. Ganz tief. Ich brachte immer noch kein Wort heraus. Irgendjemand half mir dann, meine Sandalen wieder anzuziehen. Ich hörte Jesus noch sagen:
„Ihr nennt mich Meister und Herr. Und ich bin es. Aber dennoch habe ich euch heute die Füße gewaschen. Ich habe euch damit ein Beispiel gegeben. Folgt diesem Beispiel. Handelt ebenso. Vergesst das nicht.“
In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen. Ich war hellwach und todmüde zugleich. Ich war aufgewühlt und gleichzeitig ganz ruhig. Ich war Barnäus, der Sklave, und dennoch war ich ein ganz anderer. Ein neuer Mensch. Am nächsten Tag hörte ich, sie hatten Jesus verhaftet und ans Kreuz geschlagen. Aber das ist nicht mehr meine Geschichte.“ Es war lange ganz still im Saal. Niemand sprach. Auch Beni und Ruth hatte die Geschichte von Barnäus und Jesus sehr berührt. Gerne wären sie Jesus selbst begegnet. Wie es wohl gewesen wäre? Wie könnten sie tun, was Jesus gesagt hatte: „Dient einander. Folgt meinem Beispiel!“
(Quelle: Gemeindekatechese Erzbistum Bamberg, Thomas Höhn)