5. Bibelerzählung – „Angesehen und geheilt“

Lk 19,1-10
„Stinklangweilig! Nix los hier. Selbst Nachbars Katz ist vor Langeweile eingeschlafen.
Jupp, voll fad!“, schimpften Beni und Ruth ausnahmsweise einmal völlig einmütig.
Sie fanden ihr Dorf am See langweilig. Sie wären lieber in der großen Stadt Jerusalem. Großvater Andreas hörte sich das eine Weile an. Dann wurde es ihm zu viel.
„Kommt mal mit, ihr beiden!“, sagte er schließlich. „Ich will euch mal was zeigen.“
„Was denn, endlich mal was Spannendes?“, meckerte Beni.
„Hier gibt’s nichts Neues zu sehen!“, moserte Ruth. Doch sie folgten ihrem Großvater.
Dieser schlug den Weg hoch auf den Hügel ein. Erinnert ihr euch noch an Benis und Ruths Lieblingsplatz? Die alte Eiche auf dem kleinen Berg. Man hatte von dort eine herrliche Aussicht. Man sah das Dorf. Man sah den See Genezareth.
Fast den ganzen See konnte man vor dort überblicken. Genau dorthin führte sie Großvater. Am Baum angekommen sagte er: „Jetzt klettert ihr beide in den Baum. So hoch ihr euch traut. Sucht euch einen guten Platz. Und erzählt mir dann, was ihr seht.“
Das ließen sich Beni und Ruth nicht zweimal sagen. Schon kurze Zeit später saßen sie in der Krone der alten Eiche. „Kommst du auch hoch, Großvater?“, rief Ruth nach unten.
„Nein, das schaffen meine alten Knochen nicht mehr“, erwiderte er und machte es sich am Stamm gemütlich. „Und, was seht ihr nun?“, fragte er nochmals.
„Blätter. Äste. Den See. Die Wolken. Absaloms Schafherde. Rebekka, die die Ziegen melkt. Das ganze Dorf. Sami und Sara spielen Fangen. Die Berge hinter dem See. Alles sieht so schön von hier aus. Ganz anders. Gar nicht mehr langweilig.“
Großvater hatte wieder sein ganz spezielles Großvater-Lächeln aufgesetzt und sagte:
„Seht ihr, das macht nur der andere Blick. Es ist euer gleiches, ach so langweiliges Dorf. Aber von oben sieht es doch einfach nur schön aus. Oder?“
„Juppiiee!“, rief Beni und schwang sich noch einen Ast höher. Ruth blieb still auf ihrem sitzen. Sie schaute verträumt in die Ferne. Summte leise. Und genoss sichtlich ihren Hochsitz im Baum.
„Du, Großvater!“, rief sie hinunter. „Jetzt fehlt nur noch eine deiner Geschichten. Hast du noch eine Geschichte? Eine neue! Eine unbekannte! Bitteeee, Großvater!“
Um seine Geschichten ließ sich Großvater Andreas nie lange betteln. Er strich sich also nur ein paar Mal durch seinen Bart. Räusperte sich. Und begann: „Wisst ihr, mir fällt da eine Geschichte ein. Die habe ich euch noch nicht erzählt. Auch eine Geschichte mit einem Baum. Und einem veränderten Blick. Also es war …“
In diesem Augenblick ertönte das Geräusch eines brechenden Astes. Krzzzzzzzzzzzbr
Es raschelte mächtig im Baum. Ein spitzer Schrei ertönte. Großvater sprang erschrocken auf. Und schaut nach oben. Doch da war nur ein Lachen zu hören. Und ein: „Nix passiert! Der blöde, olle Ast da ist abgebrochen!“, von Beni.
„Beni Ben David, wenn du mich noch einmal so erschreckst!?“, rief Großvater eher erleichtert als erzürnt. „Wenn du jetzt einen stabilen Ast gefunden hast, kann ich ja weitererzählen, oder? Du solltest nicht so viele Rosinenkuchen essen.“
„Ja, klar Großvater. Der Ast jetzt ist prima. Der hält garantiert. Und ich esse überhaupt nicht zu viele Rosinenkuchen. Höchstens viel zu wenig.“
„Könnt ihr jetzt bitte die Rosinenkuchen lassen? Bitte … ich möchte die Geschichte weiterhören!“, ging Ruth nun dazwischen.
„Na, gut also: Hrmm. Es war drüben in Jericho. Wir, Jesus und die Jünger, waren in der Stadt. Viele Menschen sind gekommen. Wie immer, wenn Jesus kam. Jede und jeder wollten ihn hören und sehen. Mir ging es an diesem Tag nicht gut. Mir tat der Kopf weh. Und die Füße.
Ich blieb im Schatten unter einem Baum sitzen. Denn dort am Marktplatz standen drei schöne Maulbeerfeigenbäume. Die warfen einen prima Schatten. Ideal, um ein bisschen die Beine lang zu machen. Auf dem ganzen Platz war ziemlich viel los. Aber hier, bei den Bäumen, war es ein wenig ruhiger. Dann hörte ich plötzlich über mir das Geräusch eines brechenden Astes. Ein Knacken. Ein Rascheln. Einen Schmerzensschrei und geflüstertes Schimpfen. ‚Was war das denn?‘, fragte ich mich. Ich schaute nach oben.
Ich sah ein Kind im Baum herumklettern. Und sah wieder weg. Dann sah ich noch einmal hin. Etwas genauer diesmal. Das war kein Kind. Die Kleidung passte nicht zu einem Kind.
Die Kleidung war viel zu fein und zu kostbar für ein kletterndes Kind. Es war eher ein kleiner Mann. Ja, und er hatte auch einen Bart. An seinem Gürtel sah ich eine fette Geldbörse baumeln. Definitiv kein Kind. Aber wer mochte das sein. Was wollte der da?
In diesem Moment wurde ich aber von etwas anderem abgelenkt. Die Menschenmenge hatte sich geteilt. Jesus und ein paar von uns Jüngern kamen auf die Bäume zu.
Ich sah, wohin Jesus schaute. Nach oben in den Baum. Ja, er schaute zu dem kleinen Mann hoch. Der kleine Mann schaute hinunter. Jesus schaute hinauf. Es wurde immer ruhiger auf dem Platz. Die Gespräche erstarben. Ein paar Finger wurden noch ausgestreckt.
Ein bisschen wurde noch getuschelt.
Dann war es ganz still. Nur das Zwitschern eines Vogels war zu hören. Das leise Rascheln der Blätter im Nachmittagswind.
Ab und zu ein Kind. Jesus und der Mann im Baum. Lange schauten sie sich an. Auch sie sprachen nicht. Blicke hinauf. Blicke hinunter. Dann hob Jesus den Arm. Streckte ihn dem Mann im Baum entgegen. Mit leiser Stimme sagte er zu ihm: ‚Komm herunter, Zachäus!
Ich möchte heute Gast in deinem Hause sein.‘ Zachäus hieß er also, der Mann im Baum. Jesus kannte seinen Namen. Jesus wusste so vieles. Jesus wusste auch, dass es nur diesen Blick brauchte, dass nur diese wenigen Worte nötig waren. Dass es nur den ausgestreckten Arm brauchte. Mehr nicht. Versteht ihr, Kinder? Mehr hat Jesus nicht gebraucht. Einen Blick, ein Wort, eine Geste.“
Danach schwieg Großvater Andreas. Auch die Kinder schwiegen. Doch dann fragte Beni etwas zaghaft: „Du, Großvater, was hat Jesus denn eigentlich gemacht? Ganz verstehe ich die Geschichte ehrlich gesagt nicht.“
„Wisst ihr, Jesus hat das Beste getan, was man für einen Menschen tun kann. Jesus hat Zachäus angesehen. Er hat ihn ganz angesehen. Durch und durch. Mit Liebe hat er ihn angesehen. Und das hat Zachäus verwandelt. Verwandelt und geheilt.“
„Aber Großvater, ich verstehe es immer noch nicht.“
„Macht nichts Beni. Vielleicht kannst du es jetzt noch nicht verstehen. Aber auch dich sieht Jesus an. Mit Liebe. Auch dich will er verwandeln und heilen. Und mich.“
Dann stand Großvater schweigend auf. Er ging langsam hinunter ins Dorf zurück.
Wurde in der Ferne immer kleiner. Bis er hinter den Häusern verschwand.
Beni und Ruth blieben noch lange im Baum sitzen.
Beide ganz still und ruhig. Ein bisschen verwandelt. Ein bisschen geheilt.
(Quelle: Gemeindekatechese Erzbistum Bamberg, Thomas Höhn)