4. Bibelerzählung – „Der gute Hirte“

Joh 10,1-10
Ruth und Beni waren im Haus. Sie halfen ihrer Mutter Rebekka bei der Hausarbeit. Beni drehte den Mahlstein und mahlte Mehl. Ruth flocht mit Mutter an einem neuen Korb für die Ernte. Da hörten sie von der Straße her lautes Rufen und aufgeregtes Geschrei.
„Mama, darf ich nach draußen?“, fragte Beni. „Ich will wissen, was da los ist.“ „Nein, du bleibst im Haus. Ich will erst selbst nachsehen“, sagte Rebekka, stand auf und ging zur Tür. Sie trat nach draußen. Im Dorf am See herrschte offenbar große Aufregung.
Viele Menschen versammelten sich um den Schafstall von Joachim. Da waren Männer, Frauen und Kinder. Alle plapperten durcheinander. Zeigten hierhin und dorthin. Sehr gefährlich sah es nicht aus. Aber auch Rebekka war neugierig geworden. Sie rief: „Ruth, Beni, kommt raus! Wir wollen einmal nachsehen, was da los ist. Es ist drüben bei Joachims Stall.“ Im nächsten Augenblick standen Ruth und Beni schon neben ihr. Gemeinsam gingen sie die kurze Strecke zu Joachims Stall. In Joachims Stall waren Schafe untergestellt. Schafe, die nicht auf die Weide konnten. „Mama, ist was mit den Schafen von Joachim?“, fragte Ruth. „Ich weiß es nicht, Kind“, antwortete ihre Mutter. „Aber schau, dort ist Lea, Joachims Frau. Die werde ich fragen. Sie weiß bestimmt, was los ist.“
„Schalom Lea. Was ist denn hier los. Warum die ganze Aufregung? Ist etwas passiert mit euren Schafen?“ „Ach, Rebekka, es ist ein Unglück. Heute Nacht sind Diebe in unseren Stall eingedrungen. Sie sind durch ein Fenster geklettert. Haben die Türe von innen aufgedrückt. Und zehn unserer Schafe gestohlen. Joachim hat es erst vorhin bemerkt. Die Schafe sollten heute geschoren werden. Deshalb waren sie nicht auf der Weide. Stell dir vor, 10 unserer besten Wollschafe. Einfach gestohlen. Und Cantor, unser Hütehund, hat nicht einen Mucks von sich gegeben. Ein toller Wachhund ist das. Eher ein Lamm, als ein Wachhund.“ So zeterte Lea. „Ich mag Cantor. Er ist der netteste Hund im ganzen Dorf“, entgegnete Ruth und musste allerdings zugeben: „Vielleicht ist er für einen Wachhund zu nett. Schon möglich, hmmm.“
Rebekka darauf leise lächelnd zu Ruth: „Ist gut jetzt, Ruth! Cantor mag ein netter Hund sein. Aber darauf kommt es jetzt nicht an. Lea und Joachim haben durch den Diebstahl einen großen Schaden. Was wollt ihr jetzt tun, Lea?“ „Joachim und ein paar Männer gehen gleich los und suchen nach Spuren. Vielleicht finden sie die Diebe ja. Vom Stall aus führen die Spuren in Richtung der Berge.“
Kurze Zeit später machte sich Joachim mit fünf anderen Männern auf die Suche. Sie nahmen alle lange Stöcke mit. Auch Cantor durfte mit auf die Suche. Er hatte immerhin eine gute Nase. Langsam legte sich die Aufregung. Aber die Leute genossen es, noch ein bisschen zu reden. Auch Andreas war in der Zwischenzeit dazugekommen. Mit ihm kam Salomon. Salomon war der Vorsteher der jüdischen Gemeinde.
Salomon und Andreas waren gut befreundet. Das war ungewöhnlich. Normalerweise hatten die Juden und die Christen nur wenig Kontakt.
Bei Andreas und Salomon war das aber anders.
Sie waren Freunde, schon lange. Beni hatte die beiden kommen sehen. Er lief ihnen entgegen und informierte die beiden über alles. Er zeigte ihnen die aufgebrochene Stalltüre. Die Spuren, die die Diebe hinterließen. Und er deutete aufgeregt in die Richtung, in die der Suchtrupp Joachims aufgebrochen war. Am liebsten hätte er den Suchtrupp begleitet. Das roch nach Abenteuer. Die Dorfbewohner sammelten sich nun um Andreas und Salomon.
Salomon und Andreas galten als weise und klug. „Was sagt ihr dazu?“ „Ist das schon einmal vorgekommen?“
„Wer könnte das gewesen sein?“, diese und noch viel mehr Fragen wurden Andreas und Salomon von den Leuten nun gestellt. Sie konnten nur abwinken. Nein, sie konnten die Fragen auch nicht beantworten. Sie waren keine Polizisten. Sie waren Männer Gottes.
Aber Andreas meldete sich zu Wort:
„Hört mir zu! Eure Fragen kann ich nicht beantworten. Aber ich kann euch etwas erzählen.“ Da wurde es still. Manche setzten sich auf den Boden. Andere blieben stehen. Ruth lächelte still vor sich hin. Sie wusste, was nun kommen sollte.
Bestimmt wollte Andreas etwas erzählen. Aus seiner Zeit mit Jesus. Schon fuhr er fort: „Dieser Einbruch in den Stall erinnert mich an etwas. Etwas, das Jesus einmal gesagt hatte. Es war eines seiner schwierigen Worte. Wir haben es nicht gleich verstanden. Jesus hat gesagt: ‚Der Hirte betritt den Schafstall durch die Türe. Die Schafe kennen den Hirten. Und die Schafe folgen dem Hirten. Sie kennen seine Stimme. Der Dieb kommt nicht durch die Tür. Einem Fremden werden sie nicht folgen.‘ Jesus sagte weiter: ‚Ich bin die Tür zum Schafstall. Wer durch mich eintritt, den werde ich retten.‘
Ja, ihr Lieben, der Dieb kommt nicht durch die Tür. Jesus hat gerne in Bildern gesprochen. In Bildern aus dem Alltag. Ich denke, Jesus wollte sagen: Ich bin wie ein guter Hirte. Ich kümmere mich um die Menschen. Ich kenne die Menschen. Und ich bin die Tür. Die Tür, die zum Vater im Himmel führt.“
Da meldete sich Salomon zu Wort: „Mein lieber Andreas, das Bild vom guten Hirten verbindet uns. Auch wir Juden glauben, dass Gott für uns wie ein guter Hirte sein will. ‚Der Herr ist mein Hirte‘. So beginnt eines unserer Gebete. Es ist in der Rolle der Psalmen aufgeschrieben. Nur die Sache mit Jesus.
Du weißt, das sehe ich anders.“ „Ja, das weiß ich, mein lieber Salomon. Wir unterscheiden uns. Aber das macht nichts. Wir können beide viel voneinander lernen“, entgegnete Andreas.
Die Leute hörten den beiden sehr aufmerksam zu. Der Diebstahl war scheinbar vergessen. Da rief Beni plötzlich ganz laut: „Da, da kommen sie zurück. Die Männer vom Suchtrupp. Und … Da, sie haben ein Schaf gefunden. Vielleicht auch die Diebe! Bestimmt haben sie sie verprügelt.“ Plötzlich achtete niemand mehr auf Andreas und Salomon. Alle schauten auf die ankommenden Männer.
Bald waren sie im Dorf. Sie wurden von allen umringt. Joachim trug eines seiner Schafe auf dem Arm. Es hatte sich anscheinend am Bein verletzt. Sanft legte er es auf die Erde. Er sah Beni und Ruth und sagte zu ihnen: „Seid so lieb, bringt das Schaf vorsichtig in den Stall. Es hat sich den Huf verletzt. Die Diebe haben es auf dem Weg zurückgelassen. Sie sind in die Berge geflohen. Leider haben wir ihre Spur verloren. Legt das Schaf im Stall auf frisches Stroh. Ich werde es später noch genauer untersuchen.
Und versprochen… Ich erzähle alles ganz genau, wenn ihr wieder zurück seid.“ Und so war es dann. Joachim erzählte ausführlich von der Verfolgung.
Von der Spur der Diebe. Und wie sie die Spur verloren haben. Und wie Cantor das verletzte Schaf gefunden hat.
Am Abend feierten alle aus dem Dorf ein Fest. Die Juden und die Christen gemeinsam.
Ein Fest des Dankes für Gott, den guten Hirten aller Menschen.
Ein Fest der Freude über das eine verlorene Schaf.
Quelle: Gemeindekatechese Erzbistum Bamberg, Thomas Höhn