14. Bibelerzählung - Pfingsten

Apg 2,1-12
In der Nacht war Sturm aufgekommen. Der Wind fegte von den Bergen herab. Er strich über den See und rührte das Wasser auf.
Die Wellen trugen weiße Gischtkrönchen. Die Fischerboote waren fest am Ufer verzurrt. Der Sturm heulte durch die Gassen des Dorfes am See. Rüttelte an Türen und Fenstern. Bog die Palmen und zerrte an den Ästen der alten Eiche auf dem Hügel. Die Luft war erfüllt von einem Brausen und Pfeifen.
Von einem ganz tiefen Brummen und von feinem Zischen.
Alles war in Bewegung. Die Menschen in ihren Häusern waren unruhig.
Die Fischer bangten um ihre Boote. Die Bauern machten sich Sorgen um ihre Ernte. Die Hirten fürchteten um ihre Herden. Der Sturm versetzte nicht nur die Natur in Unruhe. Auch die Menschen und Tiere spürten die Kraft des Windes.
Andreas wälzte sich in dieser Nacht unruhig auf seinem Lager. Einmal weckte ihn ein schlagender Fensterladen. Er stand auf und verriegelte ihn erneut.
Dann legte er sich wieder hin. Vergeblich suchte er, Schlaf zu finden. Er lauschte auf das Rauschen und Toben des Windes. Er dachte zurück.
Dachte an die Zeit mit den Aposteln nach Jesu Auferstehung.
Dachte an ihre damaligen Ängste und Hoffnungen. Dachte an das Rauschen und Toben an Pfingsten im Haus in Jerusalem.
Dachte an den Tag vor ein paar Jahren, als … Dann schlief er doch wieder ein. Und er träumte.
Er träumte einen Traum vom Wind. Er war der Wind … Ich bin der Wind ... Ich stehe niemals still. Manchmal bin ich nur ein leises Säuseln. Manchmal habe ich Lust und blase kräftig. Manchmal werde ich sogar wild und toll.
Dann werde ich zum Sturm. Ich lebe im Himmel. Wohne im Haus des Südens, Nordens, Westens und Ostens. Dann und wann komme ich hinunter auf die Erde. Dort spiele ich mit den Blättern an den Bäumen. Male meine Bilder in
wogende Felder. Ich bringe die Wellen zum Tanzen. Wirble den Staub auf.
Ich schiebe die Wolken am Himmel umher.
Das ist schwere Arbeit. Ich sorge für Leben. Sorge dafür, dass der Regen kommt. Sorge für den Flug der Samen und Pollen. Niemand kann mich fassen. Kein Mensch kann mir befehlen. Aber - ich höre auf Gott. Gottes Geistkraft
ist mir nah. Seine Geistkraft ist ein bisschen wie ich selbst.
Spürbar, aber nicht zu greifen. Hier und dort. Immer in Bewegung. Voller Fantasie und voller Lust am Spiel. Eines Tages gab mir Gott einen Auftrag.
Er sagte zu mir: „Geh nach Jerusalem. Mach dich mächtig stark.
Werde zum Sturm. Dann fege durch das Haus. Durch das Haus der Freunde
von Jesus. Sie sitzen dort im Dunkeln. Die Türen und Fenster verschlossen.
Sie haben immer noch Angst. Sie sind voller Kummer. Sie wissen nicht, was sie tun sollen. Fege durch das Haus. Wuschle ihnen lustig durch die Haare.
Wirf dich gegen die Fenster und Türen. Lass Licht ins Haus und frische Luft . Und – du wirst nicht allein sein. Meine
Geistkraft wird dich begleiten. Auf nun! Warte nicht! Jetzt ist die Zeit!“
Und so fegten wir hinunter nach Jerusalem. Ich als Sturm. Aufbrausend und stark. Gottes Geistkraft mit mir. Wie tausend kleine Funken. Gelb und orange und rot, feuerfarben. So war Gottes Geistkraft in mir. Und so zogen wir los. Wirbelnd, prächtig, stark, schön und wild. Prächtig und stark waren wir.
Ich brauste durch das Haus der Jünger. Durch den Rauchabzug ging es hinein. Ich stieß die Fenster auf. Ich ließ die Türen auffliegen. Ich fegte den Staub aus den Ecken. Und die Angst aus den Herzen.
Mit mir wirbelte die Geistkraft Gottes.
Sein Heiliger Geist. Es war eine Lust und eine Freude. Meine Kraft und das Spiel der Funken. Wir waren ein starkes Team. Der Heilige Geist und ich.
Wir waren ansteckend fröhlich und erfrischend.
Und tatsächlich. Als alle Fenster und Türen offenstanden, da kam Leben in die müden und ängstlichen Jünger. Sie wagten sich mit uns hinaus auf die Straße. Wie weggeblasen ihre Angst und ihr Kummer. Ihre Lungen füllten sich mit
frischem Atem. Sie taten tiefe, tiefe Atemzüge. Dann begannen sie zu sprechen. Und sie sprachen wie noch nie.
Alle konnten sie verstehen. Sie sprachen von Jesus. Sie erzählten von Gott.
Sie lobten und priesen ihn. Ja, das war ein Fest
… Am Morgen erwachte Andreas. Er rieb sich den Schlaf aus den Augen.
Der Traum schwebte noch durch seine Gedanken.
‚Welch ein schönes Geschenk dieser Traum war‘, dachte er bei sich. ‚Ich spüre die Kraft von damals.‘
Draußen war es ganz still geworden. Nur die Vögel sangen. Das Tosen des Sturmes hatte sich gelegt. Zurück blieb nur ein sanft streichelndes Säuseln. Andreas stand auf. Er öffnete den Fensterladen seiner Schlafkammer.
Er schaute nach draußen. Schaute in einen frischen Morgen. Rasch zog er sein Obergewand an. Ging hinaus ins Freie. Er stellte sich ganz ruhig hin. Und er ließ sich streicheln vom sanften Windhauch.
Nach einer Weile blickte er hinauf in den Himmel. Er breitete seine Hände aus und begann zu beten: ‚Großer Gott, ich danke dir. Ich danke dir für diesen Traum. Für die Kraft danke ich dir. Für die Kraft , die du schickst. Und für die Kraft , die in mir ist. Lass deinen Heiligen Geist auf mir ruhen. Sende deinen Geist zu allen Menschen. Verwandle diese Welt.
Verwandle die Angst in Hoffnung. Verwandle die Trauer in Freude. Mach das Schwache stark. Danke, Amen.‘
Andreas blieb noch eine Weile still stehen. Spürte den leisen Wind.
Dann ging er wieder hinein ins Haus.
Und dachte bei sich: ‚Von diesem Traum muss ich Ruth und Beni erzählen. Das wird ihnen gefallen.‘
(Quelle: Gemeindekatechese Erzbistum Bamberg, Thomas Höhn)