13. Bibelerzählung – „Himmelfahrt“

Mt 28,16-20 und Apg 1,1-10
„Schau mal! Die Wolke dort sieht aus wie ein Pferdekopf.“
„Und dort, ein Tor in den Wolken.“ „Jetzt wird aus dem Pferdekopf eher ein Schaf.“ „Aber dort, sieh mal, ein Baum.“
„Ja, sehe ich auch.“
So ging das schon eine ganze Weile. Beni und Ruth saßen in ihrem Lieblingsbaum. Auf einem Ast ganz oben. Und sie beobachteten die Wolken. Sie suchten in den Wolken nach Formen. Nach Formen, die sie kannten. Sie liebten dieses Spiel, das Wolkenspiel. Dabei wurde es ihnen nie langweilig. Manchmal beteiligte sich auch Großvater Andreas an diesem Spiel.
Andreas war ein sehr phantasievoller Wolkengucker.
Er konnte in jeder Wolke eine Form erkennen. Heute aber hatte Großvater Andreas keine Zeit für das Wolkenspiel.
Beim Abendessen erzählte Beni seinem Großvater: „Du, heute haben wir wieder viel in den Wolken entdeckt: Ein Pferd, ein Tor, Schafe und einen Baum.“ Ruth ergänzte: „Ja, und einen Ölkrug und ein Haus und vieles andere mehr. Das hätte dir heute auch gefallen. Das waren gute Wolken heute.“
„Ja, ich habe die Wolken auch gesehen. Gerne hätte ich mit euch das Wolkenspiel gespielt. Aber ich habe den ganzen Tag mit Salomon gesprochen. Er hatte viele Fragen. Fast so viele wie ihr beiden. Seht ihr das Fragenloch in meinem Bauch?“ Andreas steckte seinen Finger durch ein Loch in seinem Obergewand, „Hier, seht ihr?!“ Er lachte herzlich. Bohrte das Loch noch etwas größer und grinste schief. Sein Lachen und sein Blick steckten an. Schließlich lachten alle und glucksten bis ihnen die Tränen kamen. Es dauerte ein wenig. Doch dann hatten sich alle wieder beruhigt. Das Lachen war gut.
Andreas sah alle fröhlich an und sagte: „Kinder, Spaß beiseite. Es ist gut, Fragen zu haben. Fragen sind etwas Wertvolles. Fragen sind ein Anfang und ein Weg. Antworten sind ein Ende. Versteht ihr das?“ Beni schaute etwas verwirrt.
Aber Ruth nickte energisch. „Ja, Großvater, das verstehe ich“, sagte sie. „Fragen sind spannend. Man muss ihnen nachgehen. Das ist der Weg. Man kann dabei viel entdecken.“
„Genau, meine kluge Ruth, du hast es verstanden. Und du, Beni, wirst das auch noch verstehen“, sagte Andreas zu Beni und zwinkerte ihm dabei mit einem Auge zu. „Wisst ihr, ich habe auch noch so viele Fragen. So viele Fragen, denen ich nachgehen möchte. So viele Frage, die mich bewegen. So viele Fragen. Und wenn eine beantwortet ist, dann warten noch hundert andere auf eine Antwort. Was ich wirklich einmal wissen möchte ist: Wie ist es im Himmel? Und – wo ist der Himmel überhaupt?“
„Aber Großvater! Du warst doch mit Jesus unterwegs. Sicher hat er euch vom Himmel erzählt. Und der Himmel ist immer oben. Das weiß jedes Kind“, meinte Beni mit erstauntem Gesicht. „Ja, Jesus hat vom Himmel erzählt. Er hat vom Königreich der Himmel gesprochen. Von seinem himmlischen Vater. Von seiner himmlischen Macht. Manchmal vom Himmel oben. Manchmal vom Himmel hier unter uns Menschen. Ja, manches habe ich verstanden. Manches frage ich mich immer noch: Was meinte Jesus eigentlich, wenn er vom Himmel sprach? Meinte er das Blau und die Wolken?
Oder meinte er etwas ganz anderes? Und – wo ging Jesus eigentlich hin? Damals, als er selbst in den Himmel ging. Als er in den Himmel aufgenommen wurde.“
„Großvater, darf ich dich etwas fragen?“ „Gerne, Ruth.“
„Du hast gesagt: ‚Jesus wurde in den Himmel aufgenommen‘. Wie war das? Hast du das gesehen? Diese Geschichte hast du uns noch nie erzählt. Bitte, kannst du uns das erzählen?“
„Ja, Ruth, diese Geschichte habe ich noch nie erzählt. Sie ist ein bisschen schwierig. Aber ich erzähle die Geschichte gerne. Doch vielleicht hast du hinterher ganz neue Fragen. Und vielleicht auch noch viel mehr Fragen.“
„Das macht nichts. Du hast doch selbst gesagt, dass Fragen wichtig sind.“
„Gut, dann hört zu. Ich bin mir bis heute nicht sicher. War ich wach? Oder hatte ich gleichzeitig mit den anderen Jüngern den selben Traum? Es war in den Tagen nach Jesu Auferstehung. Vierzig Tage lang erschien uns Jesus immer wieder. Es war eine wunderbare Zeit. Eine seltsame Zeit. Eine Zeit voller Antworten und eine Zeit voller Fragen. Das letzte Mal trafen wir Jesus dann in Galiläa.
Wir waren auf einem Berg. Wir aßen miteinander. Wir sprachen miteinander. Wir, die Jünger, wollten noch so viel von Jesus wissen. Von Jesus, dem Auferstandenen. Wir fragten ihn an diesem Tag vieles: ‚Jesus, wohin sollen wir gehen?‘ ‚Jesus, wann kommt das Reich Gottes?‘ ‚Jesus, wirst du Israel wieder mächtig machen?‘ ‚Jesus, wann wird dies geschehen?‘
Wir fragten ihn ohne Ende. Wir fragten ihm ein Loch in den Bauch. Auf manches gab er uns eine Antwort. So sagte er zu uns: ‚Geht nach Jerusalem! Bleibt dort!‘ Er sagte: ‚Geht, lehrt die Menschen! Macht sie zu Kindern Gottes! Tauft die Menschen auf meinen Namen!‘ Anderes aber verriet er uns nicht.
Es blieben uns viele Fragen. Er sagte dazu nur: ‚Manches braucht ihr nicht zu wissen. Manches dürft ihr nicht wissen.‘
Und er sagte: ‚Ja, ich weiß; Ihr habt noch viele Fragen. Die Fragen werden euch weiterführen. Aber ich schicke euch bald eine große Kraft. Den Heiligen Geist.‘
Und wir fragten uns wieder: ‚Wer ist der Heilige Geist?‘ ‚Wann wird er kommen?‘ Aber an diesem Tag bekamen wir die Antwort nicht. Es geschah etwas völlig Unerwartetes. Plötzlich wurde es nämlich sehr sehr hell um uns herum. Die Sonne schien plötzlich heller zu scheinen. Gleichzeitig verstummten die Vögel. Und das Summen der Insekten verstarb. Die Landschaft verschwand. Die Berge und die Bäume sahen wir in dem gleißenden Licht nicht mehr.
Wir sahen nur noch Jesus. Jesus sah uns an. Jedem von uns sah er in die Augen. Ganz tief. Dann sagte er: ‚Seid gewiss! Ich bin bei euch bis ans Ende aller Zeit.‘ Dann war plötzlich der Himmel um uns herum. Ich kann es nicht anders beschreiben. Der Himmel war in uns. Und Jesus war der Himmel. Jesus und der Himmel waren eins. Ich weiß nicht, wie lange es dauerte.
War es nur ganz kurz? Oder war es eine lange Zeitspanne? Als das helle Licht verging, war Jesus verschwunden. Er war eins geworden mit dem Himmel.
Er war aufgenommen in den Himmel. Als ich aufschaute war alles normal.
Ich sah den blauen Himmel. Ich sah die weißen Wolken.
Nur Jesus sah ich nicht mehr. Ich frage mich noch heute: ‚Was ist geschehen in diesem Moment?‘ ‚War es ein Traum oder Wirklichkeit oder beides?‘
Nach diesem Tag haben wir Jesus nicht mehr gesehen.
Er war in den Himmel eingegangen. Aber er war auch in uns.
Und die versprochene Kraft kam zu uns. Aber das, liebe Kinder, ist eine andere Geschichte.“
Wie so oft waren alle still. Alle hingen noch ihren Bildern nach. Beni regte sich zuerst wieder: „Wo ist Jesus denn jetzt? Was habt ihr dann gemacht? Und was war mit dieser Kraft? Ist Jesus jetzt auch bei uns, obwohl er im Himmel ist? Wie kann das sein, echt jetzt? Und Himmel oben und hier, wie geht das denn?“
(Quelle: Gemeindekatechese Erzbistum Bamberg, Thomas Höhn)