12. Bibelerzählung – „Eine Osterzeitgeschichte“

Joh 21,1-14
Der Tag war längst angebrochen. Die Sonne stand schon hoch am Himmel. Ich lag noch am Strand. Ich lag auf dem Trockenen. Ich lag da, leicht zur Seite geneigt. Ich sehnte mich nach dem Wasser. Das Wasser war mein Element. Dort fühlte ich mich wohl.
Ja, du ahnst es vielleicht. Ich bin ein Boot. Ein Fischerboot, um genau zu sein. Und, ja, auch Boote können erzählen.
Nun liege ich aber schon lange am Strand.
Der Fischer, dem ich gehörte, war leider erkrankt.
Er hatte sich den Arm gebrochen. Und konnte nicht zum Fischen mit mir hinausfahren. Ich war betrübt.
Es war der erste Tag der Woche. Da kamen ein alter Mann und zwei Kinder auf mich zu. Ich hatte sie schon öfter gesehen.
Der Mann hieß Andreas. Auch er war früher ein Fischer.
Die Namen der Kinder kannte ich nicht.
‚Wollen die mit mir aufs Wasser?‘, so fragte ich mich. Tatsächlich luden sie ihre Bündel ab. Legten sie erst in den Sand. Dann umrundeten sie mich.
Der Mann sagte: „Ist das nicht ein schönes Boot?“
Der Junge entgegnete gleich: „Was? Mit diesem alten Kahn sollen wir losfahren?“
Andreas darauf: „Gut, das Boot ist nicht mehr das neuste. Aber noch tipptopp in Ordnung. Aus gutem Holz geschickt gebaut. Wir dürfen es benutzen. Wisst ihr, Thaddäus hat sich nämlich den Arm gebrochen. Thaddäus ist Fischer. Ihm gehört das Boot. Wie gefällt dir das Boot, Ruth?“
„Ich mag es. Es könnte bestimmt auch viele Geschichten erzählen. Es ist ein bisschen wie du, Großvater. Nicht mehr jung, aber immer noch prima in Schuss“, sagte das Mädchen lächelnd.
„Oh, danke Ruth“, sagte Andreas und fuhr fort: „Also, Leinen los, Kinder. Du, Beni, binde das Tau da los! Ruth, bitte verstau unsere Bündel unter der Ruderbank. Und dann müssen wir kräftig schieben, damit das Boot ins Wasser kommt.“
Ja, und dann schoben sie mich ins Wasser. Endlich war ich wieder in meinem Element. Ich wurde ein Stück vom Ufer weggerudert.
Dann setzte Andreas mein Segel. Er machte das geschickt. Das konnte ich spüren. Mein Segel fing den Wind ein.
Flott schnitt ich durch die Wellen. Das Wasser gluckerte lustig an meinem Bug. Ich war glücklich. Auch der alte Mann und die Kinder waren glücklich.
Sie und ich, wir genossen die Fahrt über den See. Es ging hinüber ans andere Ufer. Andreas suchte eine schöne Stelle zum Anlanden aus. Sanft schob sich mein Kiel in den Sand. Ich wurde noch ein wenig näher ans Ufer gezogen. Ich sollte nicht abtreiben. Doch plätscherten die sanften Wellen immer noch um meine Planken. Das war schön. Ich lag nicht schon wieder ganz auf dem Trockenen.
Andreas und die Kinder suchten am Ufer Holz für ein Lagerfeuer zusammen. Andreas packte die Bündel aus. Darin waren Brot, Äpfel und ein paar frisch gefangene Fische. Die Fische brieten sie über dem Feuer. Und aßen sie dann mit Brot und einem Apfel als Nachtisch. Dann baten die Kinder Andreas, eine Geschichte zu erzählen. Ich war gespannt.
Ich mochte Geschichten auch sehr. Andreas ließ sich nicht lange bitten.
Er setzte sich in den Sand. Nutzte meine Bordwand als Rückenlehne. Und begann zu erzählen:
„Es war kurze Zeit nach der Auferstehung von Jesus. Ich und einige andere trafen uns hier am See. Wir beschlossen, zum Fischen hinauszufahren. Das Fischen lag uns im Blut. Da waren wir in unserem Element. So fuhren wir auf den See hinaus. Nachts, wie wir das immer taten. Doch wir fingen nichts. Nicht einen einzigen Fisch. Es war wie verhext. Im Morgengrauen fuhren wir zurück ans Ufer. Dorthin, wo wir aufgebrochen sind. Am Ufer stand ein Mann. Wir kannten ihn nicht. Der Mann rief uns zu: ‚Habt ihr Fische für mich?‘
‚Nein‘, riefen wir. ‚Wir haben leider nichts gefangen.‘
Da rief uns der Mann zu: ‚Dann fahrt nochmals hinaus. Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus. Auf der rechten Seite, habt ihr gehört!?‘
Ja, das taten wir dann auch. Obwohl es ziemlich komisch war. Jeder Fischer weiß: Fische fängt man nachts, wenn es dunkel ist. Nicht am Tage. Wir warfen das Netzt also auf der rechten Seite des Bootes aus. Dann wollten wir es wieder einholen. Das Netz war so voller Fische. So schwer. Wir konnten es nicht einholen. Wir zogen es hinter dem Boot durch das Wasser. Wir waren alle sehr verwundert. Und auch glücklich.
Da rief Johannes, einer der Jünger, die mit im Boot waren: ‚Dort am Ufer, das ist der Herr! Das ist Jesus!‘
Dann hörte ich ein lautes Platschen. Petrus, mein Bruder, war ins Wasser gesprungen. Er wollte als Erster am Ufer sein.
Er schwamm dem Boot voraus. Endlich kamen auch wir mit dem Netz ans Ufer. Am Ufer brannte schon ein Feuer. Auf einem Stein am Feuer röstete Brot. Dann zogen wir mit vereinten Kräften das Netz an Land. Wir leerten es.
Jesus sah uns zu.
Tatsächlich, Jesus, der Auferstandene sah uns zu.
Er sagte: ‚Bringt von den Fischen. Wir wollen sie am Feuer braten und dann gemeinsam essen.‘
Und wir aßen miteinander. Es war wie früher. Jesus und wir. Wir unterhielten uns und scherzten miteinander. Keiner von uns traute sich zu fragen: ‚Wer bist du?‘ Denn wir wussten es nur zu gut. Es war Jesus. Wie früher teilte er mit uns das Brot und den Fisch. Es war einfach wunderbar.
Wir wussten alle: Jesus wird immer für uns da sein.
Egal, ob wir ihn sahen oder nicht. Jesus war da für uns.
Und wir haben eines gemerkt: Ja, beim Fischen waren wir in unserem Element. Und dennoch, wir waren keine Fischer mehr. Wir waren Jünger.
Als Jünger Jesu waren wir in unserem Element, das war unsere Aufgabe. Menschenfischer hat er uns genannt. Die Menschen waren unser eigentliches Zuhause, nicht das Wasser. Unter den Menschen sollten wir unterwegs sein. Ihnen die Frohe Botschaft erzählen. Sie heilen und befreien, wie Jesus. Sie lieben, wie Jesus.
Wie Jesus, der immer noch da ist für uns. Jederzeit, jetzt und immer.
Jesus ist da, für dich und für mich. Glaubt mir, Kinder, Jesus ist da. Spürt es in euren Herzen!“
Nun wurde es eine Weile still. Andreas schwieg und dachte nach. Die Kinder schwiegen und dachten wohl auch nach. Nach einiger Zeit wurde das Lagerfeuer gelöscht. Die Kinder und Andreas schoben mich wieder gänzlich ins Wasser.
Oh, welche Freude. Ich war wieder in meinem Element. Dann wurde mein Segel wieder gehisst. Es ging zurück an die andere Seite des Sees.
Unterwegs unterhielten sich die Kinder mit Andreas. Sie hatten viele Fragen: ‚Du, Andreas, war es hier, wo ihr die Fische gefangen habt? Können wir auch das Netz auf der rechten Seite auswerfen? Meinst du, wir werden den auferstandenen Jesus auch einmal sehen können?‘
Und noch viele weitere Frage hatten sie. Der Wind blies in mein Segel. Ich machte gute Fahrt. Ich war glücklich. Ich war in meinem Element.
Übrigens: Die Geschichte von Andreas kannte ich bereits. Ich war das Boot von damals. Ich war das Boot, mit dem die Jünger hinausfuhren. Es war meine rechte Seite, über der das Netz ausgeworfen wurde. Ich trug die Jünger damals ans Ufer zu Jesus. In der Geschichte spiele ich nur eine Nebenrolle.
Aber das macht nichts. Ich war dabei. Das ist alles, was zählt.
Halt, eines interessiert mich noch. Wann bist du in deinem Element? Das heißt, wann fühlst du dich genau richtig?
(Quelle: Gemeindekatechese Erzbistum Bamberg, Thomas Höhn)