11. Ökumenischer Pilgerweg

„Wir leben in dieser Welt, wenn wir sie lieben.“ (action 365)
Lesen Sie über die Wegstrecke von Wundsdorf über Schwandorf nach Ensdorf.
Für das Wochenende ist Hitze angekündigt. Die Teilnehmerzahl schrumpft ein wenig, aus welchen Gründen auch immer. Aber fast alle sind früh um halb sieben am Treffpunkt. Auf mit dem Bus in die Oberpfalz.
Nach eineinhalb Stunden Busstation in Willhof. Eine trutzige Jakobuskirche mit mächtigen Mauern, teils in bedenklicher Schieflage. Ehemaliges Grenzland. Immer wieder von Kriegen heimgesucht und verwüstet. Die Kirche war jahrzehntelang Ruine, die Mauern hielten. Die Einwohner von Willhof bauten sie so, wie sie die Zeiten überstanden hat, wieder auf. Drinnen auf dem Altargemälde ein Jakobus in schwarzem Gewand, halb Waldschrat, halb wild entschlossener Prediger. Deshalb unser heutiges Motto: Pilgern im Widerstand.
Muss man in einer Zeit, in der Pilgern Mode geworden ist, noch Widerstand leisten? Ja, wenn man sich wirklich auf alle Unwägbarkeiten des Weges einlässt. Aber es ist gut, alle Showeffekte bei Seite zu lassen, im Widerstand nicht zu verbiestern und ruhig auch mal über sich selbst lachen zu können.
Deshalb als Gegenstück ebenfalls mit dem Bus noch eine zweite Anfangsstation in der Marienkirche in Mitterauerbach. Heiterer Barock mit der Heiligenausstattung für das Landleben: Wendelin, Florian, zwei schöne Marien und eine Schmerzensmaria, Lebensfreude und Trauer, musizierende Engel und symbolische Tiere. Einige Anregungen, ein Lied und der Reisesegen, und noch ein Stückchen mit dem Bus hinauf auf den Berg nach Wundsdorf – auch wir haben etwas Angst vor der Hitze – und dann endlich auf Schusters Rappen über eine aussichtsreiche Höhe, durch reife Getreidefelder, kleine Wäldchen, Wiesengründe, bergauf, bergab, wie die Muschel es vorgibt, Richtung Schwandorf.
Man sollte dem Wetterbericht fast nie glauben. Es wird immer anders als vorhergesagt. Was auch verstehen Wetterfrösche schon von echten Prophezeiungen. Heute gilt: „Ziehen sie durchs Wüstental, wird es für sie zum Quellgrund und Frühregen hüllt es in Segen.“ (Ps 84) Nun gut, der Frühregen entfällt, aber der Weg führt ans Wasser in eine weite Seenlandschaft. Eine frische Brise bewegt Laub und Schilf. Es ist auszuhalten. Die Vögel jedoch, beim Vorwandern noch in vielstimmigem Chor zugegen, schweigen, auch die Schnaken, in wilder Aggressionslust damals, lassen sich nicht sehen. Uns soll es recht sein. Irgendwann hat es sich ausgesungen und ausgezwickt und die Hitze wird jedem Lebewesen doch zu viel. Die Schöpfung ist nicht unbedingt harmonisch auf uns ausgerichtet, auch wenn wir es gerne so hätten.
Ein hölzener Aussichtsturm inmitten der Seenplatte, hier könnte man lange verweilen. In Rauberweiherhaus – welch ein abgründiger Name für hintergründige Geschichten – trennen sich unsere Wege. Eine kleinere Gruppe fährt mit dem Bus nach Schwandorf, der Rest will es wissen und nimmt auch die restlichen zwei, drei Stunden noch unter die Füße.
Dichtes Laubgehölz, Weiher – hier sind tatsächlich einige Schnaken unterwegs – schließlich mäßiger Anstieg im Kiefernwald, Heidelbeergesträuch – naschen erlaubt? – und über eine Höhe nach Schwandorf.
Am Marktplatz erst mal etwas gegen den Durst, dann hinüber zu St. Jakobus, wo die Buspilger schon auf die Fußpilger warten. Der Raum spätgotisch, zurückhaltend ausgestattet und, was Jakobus betrifft, streng auf die Bibel beschränkt: die Berufung am See in ihrer atemberaubenden Kürze: „Sie ließen ihren Vater mit den Taglöhnern im Boot zurück und folgten Jesus nach“ (Mk 1) und der Tod des Jakobus unter Herodes Agrippa: „Jakobus, den Bruder des Johannes, ließ er mit dem Schwert hinrichten.“ (Apg 12) Keine weitere Entfaltung, keine legendarische Ausgestaltung. Nüchtern, geradezu ernüchternd, die Eckpunkte eines außergewöhnlichen Lebens.
Noch eine knappe Stunde an der Naab entlang, dann die Herberge, das wohlverdiente Abendessen, draußen auf der Terrasse. Blick auf Schwandorf, Abendläuten, Sonnenuntergang. Wem danach ist, bleibt noch ein wenig draußen sitzen. Lange allerdings dauert die Abendruhe nicht, denn mit der Dämmerung beginnt eine Schnakeninvasion, gegen die jeder Widerstand vergeblich ist. Es bleibt nur noch Rückzug und Flucht in das moskitosichere Zimmer.
Morgens, dreiviertel Sechs. Eben geht feurig rot die Sonne auf. „Das Leben der Menschen, die auf Gott hören, gleicht dem Sonnenaufgang: es wird heller und heller, bis es völlig Tag geworden ist.“ liest man in den Sprichwörtern. (Sprüche 4) Und dann?, so möchte man weiterfragen. Und dann wird‘s langsam wieder Abend, die Schatten werden länger und am Ende kommt die Nacht. Das lässt unser Sprücheschreiber natürlich nicht aus. Aber er weist das denjenigen zu, die nicht auf Gott hören. Bei denen wird’s Nacht und sie wissen nicht, worüber sie stolpern. Ja, und wie ist das mit mir? Bei mir wird’s manchmal Nacht und manchmal Tag. Na, immerhin auch Tag. So macht das Wort Mut, und den können wir brauchen. In unserer Angst, zu sehr in die Nachmittagshitze zu geraten, haben wir beschlossen, falls möglich, schon um 6 Uhr zu frühstücken. Der Wirt hat nichts dagegen. Also machen wir‘s auch. Vielleicht denkt er, dann sind die Verrückten weg, wenn die Normalen kommen, und es kann gepflegt und geruhsam zugehen wie immer.
Kurz nach sieben dann draußen beim Aufbruch. Die Sonne ist schon ein Stück am Himmel hochgeklettert, dennoch angenehme Frische. Im Schatten hinüber nach Naabsiegenhofen. Der Mesner, beim Vorerkunden nach anfänglicher Offenheit spürbar vorsichtig geworden, hatte sich für unseren Kirchenbesuch zur Morgenstunde auf die Erlaubnis durch den Pfarrer zurückgezogen. Die haben wir eingeholt und die Türen stehen sogar schon offen. Die Kirche, trutziges Äußeres, freundlich ausgestattetes barockes Inneres, Abwehr des Fremden von außen und drinnen Entgegenkommen, wie so manches auch in der Geschichte des Jakobsweges. Von oben die befohlene stramme Linie der Reconquista, an der Basis vor Ort auskömmliches, offenes Miteinander, kultureller Austausch. Morgengebet und Segen für den Tag.
Leicht ansteigend hinauf in den Wald, dann über Felder nach Neukirchen. Dort auf schmalem Steig einen Kreuzweg hinauf zur Annakapelle. Wir machen langsam. Jeder soll seinen Rhythmus finden, Anlässe um sich ins Zeug zu legen, wird es noch genug geben. Die Kreuzwegstationen in moderner Weise durchaus kreativ, auf wenige symbolische Striche beschränkt. Oben unter alten Bäumen die Kapelle, ein frischer Luftzug, blendende Aussicht über das Naabtal auf die östlich liegenden Berghöhen. Der Annentag, vorgestern am 26. Juli, wird nachgefeiert. Ein Küster kommt und öffnet die kleine Kapelle. Ein kurzer Blick ins Innere. Stille. Ein Annenbild, volkstümlich. Typ: Anna, die lehrende, wissende Mutter, und Maria, die fromme und gelehrige Tochter, dahinter eher am Rand, nicht so wichtig, in sich versunken der Vater Joachim: Was soll aus dem Kind bloß werden? Wieder draußen unter den Bäumen. An einem solchen Platz an einem Sommermorgen, mitten in der Welt und dem Himmel nah, muss man singen. „Geh aus mein Herz und suche Freud“, „und suche Gott“, neu gedichtet von Herbert. „Dich rühmt der Morgen. Leise verborgen, singt die Schöpfung dir, Gott, ihr Lied.“
Dann über die Höhe zu einem Bauernhof, Siegenthan. Viel zu bald sind wir hier an unserem geplanten Mittagsrastplatz. So ziehen wir weiter. Dornberg. Eine Wiese mit Obstbäumen, eine Bank und ein Tisch. Mittag, eigentlich noch immer zu früh. Aber wo sollen wir rasten, wenn nicht hier. Noch einmal die Schönheit der Schöpfung loben. Wie viele wunderbare Augenblicke nach Jahren der Wanderung, vom glühenden Sonnenaufgang über die schaurige Schönheit einer Gewitterfront, die Stille eines Bachtals mit seinen Blumen, die erhabene Schwärze der Nacht mit den brennenden Sternen. „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes.“ Die Sonne hat sich bis jetzt zurückgehalten, hohe Wolkenfelder ziehen durch. Jetzt wird genau dort, wo das Gewölk herkommt, eine große Lücke sichtbar, blauer Himmel. Wunderbar und schrecklich zugleich. Sind doch noch die angesagten 35 Grad zu erwarten? Wer schon eine Weile vorgehen will, soll sich aufmachen. Immer geradeaus und an der Hochspannungsleitung nach rechts. Aber auch für die anderen bleibt die Rast nur kurz. Weiter geht‘s. Noch etwas Schatten. Eine junge Kreuzotter kreuzt gemächlich unseren Weg. Wollte wohl noch etwas Sonne tanken. Züngelnd verschwindet sie im Gesträuch am Wegrand. Ganz wohl ist einem bei einem solchen Anblick nicht. „Über Schlangen über Nattern wirst du schreiten, wirst Löwen selbst und Drachen niedertreten.“ (Ps 91) Ja, wie gerne wäre der kleine Mensch einmal so groß, dass er das könnte. Es ist aber wohl besser, wenn er es nicht kann.
Dann wird es heiß. Getreidefelder, teils schon abgeerntet, meistens aber noch auf dem Halm. Ein warmer Ostwind zieht über die Fläche. Der Duft von Korn und Stroh weckt ferne Erinnerungen aus der Kindheit. Kaum hatte es in der Frühe abgetrocknet, waren wir in der Erntezeit auf unseren Feldern bis abends um 8 die Sonne unterging. Lagen die Felder nahe am Dorf, ging‘s zum Mittagessen nach Hause, eine Suppe, mehr nicht, ansonsten Brotzeit am Feldrand. Und dann lief die Arbeit weiter, der Mähtrupp mit den Sensen voraus, die anderen hinterher, Bänder drehen, die Halme mit der Sichel zusammenraffen, binden und ablegen, am Ende die Haufen stellen. – Das war einmal. Aber Hitze? Wer sagt etwas von Hitze? Das war damals auch nicht anders. Aus einer Quelle am Talhang schöpften wir Wasser und brachten es zum Feld. – „Erhebt eure Augen und seht, dass die Felder weiß sind, reif zur Ernte.“ (Joh 4) Ein einzelner Mähdrescher zieht seine Runden. Das wäre damals am Sonntag völlig undenkbar gewesen. Nur bei problematischer Wetterlage konnte der Pfarrer eine Dispens vom Verbot der Sonntagsarbeit geben, so dass Heu, Getreide eingebracht werden konnte.
Heute können wir uns Zeit lassen. Weit auseinander gezogen erreichen wir schließlich Ensdorf. Die barocke Ausstattung der Jakobskirche durch die Brüder Asam mit monumentalen Fresken aus der Jakobuslegende lassen wir diesmal beiseite, das hatten wir schon oft. Wir nehmen uns die Salesianer Don Boscos, die hier wirken, zum Thema mit ihrem Einsatz für Jugendliche. „Fröhlich sein, Gutes tun und die Spatzen pfeifen lassen“, ein spitzbübisch unbekümmertes Lebensmotto voller Gottvertrauen. Dann singen wir unser Abschluss-Tedeum. Draußen auf dem Gelände des Klosters wird ein Fest gefeiert. Wir mischen uns unter die Leute. Essen und Trinken, Kaffee und Kuchen, Bänke und Tische, eine Menge Kinder mit Eltern und Großeltern, viel zu sehen und zu hören. „Hier ist gut sein.“
Vielleicht haben wir zu lange gezögert weiterzugehen. Als wir schließlich im Nachbarort Rieden im Bären zwar zur vereinbarten Zeit aber offenbar für die Wirtin doch reichlich spät ankommen, ist der guten Frau gerade nicht zum Spaßen zumute. Sie habe ihr Personal wieder heimgeschickt. Wir kriegen zwar unser Essen, müssen aber für eine Fehlbestellung zahlen, die genauso gut auf ein einfaches Missverständnis zurückführbar sein kann und über die man normalerweise schmunzelt oder großzügig hinweggeht. Aber wir sind in so ausgeglichener Ruhe nach unserem Pilgerweg, dass uns derlei Unpässlichkeiten nichts anhaben können. Das himmlische Hochzeitsmahl ist es natürlich noch nicht, das hatten wir auch gar nicht erwartet, aber ein frohes Abschiedsmahl ist es allemal, und die Erwartung überwiegt, dass wir uns im nächsten Jahr wieder zusammenfinden mögen.
Ultreya!
Gerhard Schneider
Bilder
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